Der Amoklauf von Leutershausen

Die legale Schusswaffe macht den Unterschied

Vor nunmehr fast zwei Wochen hat ein 47 Jahre alter Mann im Landkreis Ansbach zwei Menschen erschossen [1]. Der Täter hat die Opfer dabei offenbar willkürlich ausgesucht als er sie aus dem Auto heraus mit einer Pistole erschossen hat. Der Täter konnte durch das beherzte Eingreifen der Mitarbeiter einer Tankstelle entwaffnet und überwältigt werden. Schon bald stellte es sich heraus, dass der Täter ein Sportschütze war, der die Tatwaffen legal besessen hat. Und wie zu erwarten war liefen die Medien auf Kanälen (Printmedien, Radio, Fernsehen, Internet) wieder zur Höchstform auf und berichteten seit dem immer wieder über das schreckliche Geschehen und natürlich wurde dabei immer wieder das Waffengesetz kritisiert, als ob diese Tat nur deshalb geschehen wäre weil der Täter die Möglichkeit hatte die Tatwaffe legal zu erwerben. Ich erspare es mir die Vielzahl der „publizistischen“ Quellen zu diesem Fall zu zitieren und weise stattdessen nur auf einen tagesaktuellen Beitrag des bayerischen Rundfunks hin []. Was mir auffällt ist die Tatsache, dass über dieses eine zugegebenermaßen Ereignis bis heute in aller Ausführlichkeit berichtet wurde, über andere Gewalttaten wurde meist nur kurz und meist nur in der lokalen Presse berichtet. Immerhin wurde am selben Tag eine Frau von ihrem Ehemann im Streit mit einem Messer getötet [3]. Auch kaum etwas hat man über den Mord an einer jungen Frau in Hamburg erfahren, die, ebenfalls am selben Tag, von ihrem eigenen Vater mit einer Eisenstange erschlagen wurde [4]. Woran liegt es also, dass diese Fälle von den Medien kaum beachtet werden? Am Tatwerkzeug Schusswaffe kann es jedenfalls nicht liegen, denn am selben Freitag wurden Überfälle mit Einsatz von Schusswaffen registriert [5 – 8]. Pikanterweise wurde fast zur gleichen Zeit als der Amoklauf stattfand eine Bank in der Region Ansbach unter Vorhalt einer Schusswaffe statt [9]. Auch an der Tatsache, dass bei den zuvor genannten Fällen niemand durch Schusswaffen zu Schaden gekommen ist kann es nicht gelegen haben, denn am selben Tag wurde ein mit einer Pistole bewaffneter Geiselnehmer von der Polizei erschossen [10] und in Osnabrück wurde ein Mann bei einer Schießerei schwer verletzt [11].

Offenbar schenken die Meiden nur solchen Fällen ihre Aufmerksamkeit, bei denen als Tatwerkzeug legale Schusswaffen verwendet werden als ob es für die Opfer einen Unterschied macht durch eine beliebige Tatwaffe oder eine legale Schusswaffe zu Schaden zu kommen.

Einige Hintergründe

Schon kurze Zeit nach der Festnahme des Täters äußerte die Ermittlungsbehörden die Vermutung, dass der Mann an einer Psychose leidet, da er nur wirres Zeug redete [1, 12, 13]. Der Täter ist ein arbeitsloser Krankenpfleger. Der Mann wurde entlassen, weil er einem Patienten das Handgelenk verdreht hatte und in Stresssituationen gegenüber Kolleginnen und Kollegen „laut geworden ist“ [14]. Auch scheint der Täter in esoterischen Kreisen archaische Rituale ausgeübt zu haben. In der Wohnung des Täters fand die Polizei Unterlagen, die auf eine psychische Erkrankung hindeuten. Welcher Art die psychischen Probleme waren, konnten die Ermittler nicht herausfinden, da die behandelnden Ärzte des Amokläufers noch nicht von der Schweigepflicht entbunden wurden. Die Schusswaffen hatte der Täter legal als Mitglied eines Schützenvereines erworben. Tatsächlich ist der Mann seit 2008 Mitglied eines Schützenvereins und wurde zuletzt in 2013 von der zuständigen Waffenbehörde überprüft. Die nächste Regelüberprüfung wäre in 2016 durchgeführt worden. Offenbar konsumierte der Täter Drogen, in seinem Haus fanden die Ermittler einige Cannabispflanzen. Während der Tat stand der Mann akut unter dem Einfluss von Cannabisprodukten. Auf Grund der bestehenden Psychose und dem Konsum werden voraussichtlich sowohl die Staatsanwaltschaft als auch das Gericht mindestens von einer verminderten Schuldfähigkeit ausgehen.

Der Taeter nahm Canabis (Quelle: Die Welt [15])

Der Taeter nahm Canabis (Quelle: Die Welt [15])

Meinungs- und Empörungsmanagement

Wieder einmal mehr richten die „Qualitätsmedien“ ihre volle Aufmerksamkeit auf eine einzelne Gewalttat mit zwei Toten Über den sogenannten Amoklauf von Leutershausen wird noch zwei Wochen nach der schrecklichen Tat in den Medien berichtet, für die Opfer dieser Tat werden Kondolenzbücher für die Öffentlichkeit ausgelegt [16] und bei einem Gottesdienst wird eine Gedenkminute für die Opfer abgehalten [17]. An ein und demselben Tag, an dem der Amoklauf in Leutershausen stattfand wurden weitere Gewalttaten mit Toten und Verletzten begangen. Den Opfern dieser Gewalttaten wurde von den Medien nicht so viel Aufmerksamkeit zu Teil wie den Opfern von Leutershausen. Schon am nächsten Tag waren diese Gewalttaten und deren Opfer vergessen. Die einzige Erklärung für diese eklatante Dissonanz in der Wahrnehmung der Lebensrealität ist die Tatsache, dass der Täter die Schusswaffe mit der er das Verbrechen beging legal mit behördlicher Erlaubnis erworben hatte. Einmal mehr wird die volle Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf den legalen Waffenbesitz gelenkt, als ob es keine Verbrechen mit illegalen Waffen oder anderen Tatmitteln gäbe oder als ob nur die Opfer von legalen Schusswaffen Mitgefühl verdienen. Ich erkenne hierin eine Manipulation der Öffentlichkeit durch Meinungs- und Empörungsmanagement [18]. Im Fall von Leutershausen wird die Öffentlichkeit durch die Medien mit einer Flut von Informationen überzogen, so dass dieser die Illusion der Informiertheit vermittelt wird. Aber stattdessen wird die Öffentlichkeit durch die gezielte Informationsflut gleichsam narkotisiert um von den tatsächlichen Hintergründen, Ursachen abzulenken. Mittels der affektiven Methoden des Meinungsmanagements wird die Öffentlichkeit in Furcht vor den legalen Waffenbesitzern versetzt, denn diese scheinen, wenn man den Medien folgt, die einzige Ursache für Leid und Tod zu sein. Die stete Wiederholung der vermeintlich neutralen und wertfreien Informationen ist ebenfalls eine Technik des Meinungsmanagements. Da die Medien den Bereich des öffentlichen Meinungsspektrums festlegen, können sie auch die Gruppenmeinung und insbesondere die Urteile über das was als extrem anzusehen ist bestimmen!

Fazit

Einmal mehr hat ein Sportschütze ein schreckliches Verbrechen begangen und zwei unschuldige Menschen getötet. Einmal mehr litt der Täter an einer Psychose und befand sich in fachärztlicher Behandlung. Es kann wohl davon ausgegangen werden, dass im Rahmen der fachärztlichen Behandlung auch psychoaktive Medikamente verschrieben wurden. Über die möglichen Auswirkungen solcher Medikamente habe ich schon in einem anderen Beitrag berichtet [19]. Tatsache ist, dass Psychopharmaka, wenn diese falsch dosiert werden, zu erschreckenden Persönlichkeitsstörungen führen können. Um wie viel brisanter können diese Nebenwirkungen sein, wenn Patienten zusätzlich noch weitere psychoaktive Substanzen wie z.B. Cannabis zu sich nehmen? Eine Ursache für den Amoklauf von Leutershausen könnte deshalb ein Missbrauch psychoaktiver Substanzen sein. Jedenfalls ist ein solcher Zusammenhang für mich plausibler als der mehr oder weniger subtil vermittelte Zusammenhang zwischen Waffenbesitz und Amokläufen. Eine Schusswaffe ist kein dämonisches Wesen, dass dem Besitzer Mordgelüste vermittelt. Auch lassen sich Schusswaffen nicht schlucken oder inhalieren, um so die Psyche des Waffenbesitzers zu beeinflussen. Dass der Mörder von Leutershausen sich legal im Besitz der Waffen befand und zuletzt 2013 von der Waffenbehörde überprüft wurde zeigt nur die relative Wirkungslosigkeit dieser Regelüberprüfung. Die Waffenbehörde kann im Rahmen der Regelüberprüfung nur Sachverhalte ermitteln, die den diversen Behörden (Ordnungsbehörden, Polizeibehörden, Verkehrsbehörden, Verfassungsschutzämter etc.) schon bekannt sind. In den Kopf der Waffenbesitzer kann die Waffenbehörde noch nicht schauen. Einmal mehr haben sich die „Qualitätsmedien“ mit der fortdauernden Berichterstattung und Informationsflut zu diesem expliziten Fall ausgezeichnet und dabei geradezu lehrbuchartige Beispiele für die Manipulation der öffentlichen Wahrnehmung mittels Techniken des Meinungs- und Empörungsmanagements geliefert.

Quellennachweis:

[1] BR Mediathek: „Amoklauf in Leutershausen – Die komplette Pressekonferenz“ in: http://www.br.de/mediathek/video/sendungen/mittelfranken/amoklauf-pressekonferenz-leutershausen-100.html; Stand: 10.07.2015

[2] BR Mittelfranken: „Amoklauf in Leutershausen“ in: http://www.br.de/nachrichten/mittelfranken/inhalt/amoklauf-leutershausen-altstadtfest-100.html; Stand: 22.07.2015

[3] Bild.de: „Nachbarn hören Mord an Ehefrau“ in: http://www.bild.de/regional/berlin/ehe-drama/frau-von-ehemann-erstochen-41721016.bild.html; Stand: 10.07.2015

[4] Bild.de: „19-Jährige erschlagen – Vater unter Tatverdacht“ in: http://www.bild.de/bildlive/2015/16-tochter-erschlagen-41730698.bild.html; Stand: 10.07.2015

[5] Polizeipräsidium Südhessen (Presseportal): „POL-DA: Raubüberfall auf Hotel in Darmstadt“ in: http://www.presseportal.de/blaulicht/pm/4969/3069077; Stand: 11.07.2015

[6] Polizei Hamburg (Presseportal): „POL-HH: 150710-3. Überfall auf Tankstelle – Zeugenaufruf“ in: http://www.presseportal.de/blaulicht/pm/6337/3068462; Stand: 10.07.2015

[7] Polizeidirektion Neumünster (Presseportal): „POL-NMS: Neumunster – Tankstelle überfallen“ in: http://www.presseportal.de/blaulicht/pm/47769/3068463; Stand: 10.07.2015

[8] Polizei Hamburg (Presseportal): „POL-HH: 150710-2. Versuchter Raubüberfall auf Pizzaservice – Zeugen gesucht“ in: http://www.presseportal.de/blaulicht/pm/6337/3068356; Stand: 10.07.2015

[9] Polizei Mittelfranken (Polizei Bayern): „Versuchter Banküberfall in Wörnitz“ in: http://www.polizei.bayern.de/mittelfranken/news/presse/aktuell/index.html/224042; Stand: 10.07.2015

[10] Süddeutsche Zeitung (Sz.de/dpa/afp/ina/kat): „Polizei erschießt Geiselnehmer“ in: http://www.sueddeutsche.de/panorama/baden-wuerttemberg-polizei-erschiesst-geiselnehmer-1.2561681; Stand: 11.07.2015

[11] NWZ Online: „Mann in Osnabrück angeschossen“ in: http://www.nwzonline.de/osnabrueck/mann-in-osnabrueck-angeschossen_a_30,0,343177161.html; Stand: 11.07.2015

[12] Katja Auer (Süddeutsche Zeitung): „Bizarres Wahnsystem“ in: http://www.sueddeutsche.de/bayern/leutershausen-nach-dem-amoklauf-bizarres-wahnsystem-1.2561883; Stand: 12.07.2015

[13] Bayerischer Rundfunk: „Amokläufer psychisch krank“ in: http://www.br.de/nachrichten/mittelfranken/inhalt/amoklauf-leutershausen-ermittlungen-100.html; Stand: 13.07.2015

[14] Bayerischer Rundfunk: „Amokläufer von Leutershausen kein Satanist“ in: http://www.br.de/nachrichten/mittelfranken/inhalt/amoklauf-leutershausen-arbeitsplatz-100.html; Stand: 15.07.2015

[15] Die Welt: „Franken: Amokschütze nahm Cannabis“ in: Die Welt vom 21.07.2015

[16] Bayerischer Rundfunk: „Rund 500 Einträge im Kondolenzbuch“ in: http://www.br.de/nachrichten/mittelfranken/inhalt/amoklauf-leutershausen-kondolenzbuch-114.html; Stand: 21.07.2015

[17] Bayerischer Rundfunk: „Gedenkminute für Opfer“ in: http://www.br.de/nachrichten/mittelfranken/inhalt/amoklauf-leutershausen-altstadtfest-100.html; Stand: 22.07.2015

[18] Rainer Mausfeld (Youtube): „Warum schweigen die Lämmer? – Techniken des Meinungs- und Empörungsmanagements“ in: https://www.youtube.com/watch?v=Rx5SZrOsb6M; Stand: 28.06.2015

[19] Schussendlcih: „Medikamente gegen Depressionen“ in: http://volkert.caliber-corner.de/2015/04/19/medikamente-gegen-depressionen/; Stand: 19.04.2015

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