Panzer im Keller? Zuverlässigkeit als Waffenbesitzer futsch!

Gestern konnten die Qualitätsmedien endlich mal über einen wirklich großen Fang der Staatsanwaltschaft in Kiel berichten. Dieser Fall bietet genug Material für Spekulationen und bedient viele sattsam bekannte Vorurteile. Aber der Reihe nach, versuchen wir hier einmal den Fall der Reihe nach darzustellen und in einen logischen Kontext zu stellen.

Fahndung nach Nazikunst führt zu einem Waffensammler

Im Zuge von Ermittlungen zu jahrzehntelang verschwundener Nazi-Kunst waren die Behörden auf einen Sammler aus Heikendorf bei Kiel aufmerksam geworden [1]. Bei einer Durchsuchung des Anwesens des Sammlers fanden die Ermittler offenbar tatsächlich ein Exponat von Arno Breker, einem Künstler aus der Zeit des Nationalsozialismus. „Dem SPIEGEL bestätigte der Sammler, dass es sich um das verschwundene Kunstwerk [,die Wehrmacht von Breker,] handeln könnte. Irgendwann sei die Statue im Schrotthandel aufgetaucht und von einem westdeutschen Kunsthändler „aus der DDR“ gekauft worden. Die Figur trage keine Signatur Brekers, sei ursprünglich stark beschädigt gewesen und nachträglich wieder zusammengebaut worden“ [2]. Dieser Fund alleine hätte jedoch kaum für Aufregung im deutschen Blätterwald ausgereicht. Erst die Tatsache, dass die Ermittlungsbehörden auf dem Grundstück des Sammlers auch einen Panzer aus dem II. Weltkrieg fanden und die Staatsanwaltschaft prompt Ermittlungen wegen eines möglichen Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz einleitete, sorgte für sensationsheischende Schlagzeilen z.B. [3]. Neben dem Panzer wurden auch ein Flakgeschütz und Torpedos aus dem II. Weltkrieg sowie mehrere Handfeuerwaffen gefunden. Solch gefährliches Kriegsgerät konnte die Staatsanwaltschaft natürlich nicht in den Händen eines gewöhnlichen Zivilisten belassen. Folgerichtig wurde kurzerhand alles Kriegsgerät beschlagnahmt. Allerdings stieß hier die Staatsanwaltschaft an die Grenzen ihrer Möglichkeiten. Wie kann ein 40 Tonnen schwerer Panzer aus einem Keller transportiert werden?

Amtshilfe durch die Bundeswehr

Also wurde die Bundeswehr um Amtshilfe gebeten. Die Bundeswehr rückte auch prompt mit einigen Soldaten eines Pionierbattalion, Kampfmittelexperten, Tiefladern und Bergepanzern an. Und tatsächlich schafften es die Soldaten in kaum 10 Stunden den Panzer sowie das andere Kriegsgerät aus dem Keller zu holen und abzutransportieren. Um die Handfeuerwaffen kümmerten sich derweil die Polizeibeamten die den Einsatz begleiteten.

Verstöße gegen Kriegswaffenkontrollgesetz und Waffengesetz

Wenn man sich als unbedarfter Bürger die Bilder betrachtet kann man sich wahrhaftig nicht des Eindrucks erwehren, dass es den Ermittlungsbehörden offensichtlich gerade noch im letzten Augenblick gelungen ist einem gemeingefährlichen Waffennarren das Handwerk zu legen und die Bevölkerung vor diesen gefährlichen Kriegsgeräten zu schützen. Kaum auszudenken, was dieser offenbar verwirrte Mann mit all diesem schrecklichen Zeug hätte anrichten können. Solcherlei Kriegsgerät gehört unzweifelhaft nicht in die Hände von Zivilisten! Der Vorwurf dass dieser Irre gegen das Waffengesetz und speziell gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz verstoßen hat ist damit offensichtlich über jeden Zweifel erhaben, die Behörden werden ja wohl keine solch aufwändige Aktion unter Einsatz von 50 Polizeibeamten und 20 Soldaten durchführen.

Aber leider ist der Vorwurf des Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz nicht unbedingt haltbar, denn es ist Zivilisten durchaus gestattet Panzer und anderes Kriegsgerät zu besitzen. Allerdings müssen solche Kriegsgeräte demilitarisiert sein, d.H. das diese Waffen müssen unbrauchbar gemacht werden, so dass keine Gefahr mehr besteht, dass diese jemals wieder aktiviert werden können. Am Beispiel des Panzers muss die Kanone durch einen geeigneten Längsschnitt, das Verschlussstück und der Lademechanismus durch verschweißen unbrauchbar gemacht werden. Ähnliches trifft auch für die Flugabwehrkanone zu. Der Sprengstoff sowie der Zünder des Torpedos muss entfernt sein, der Torpedokörper muss z.B. durch Verschweißen so bearbeitet werden, dass weder Zündmechanismus montiert noch Sprengstoff geladen werden kann. Gemäß Aussage des Anwalts des Sammlers war dies der Fall. So soll sein Mandant z.B. den Panzer schon vor einigen Jahrzehnten als Schrott

Pikanterweise wussten die Ermittler schon im Mai über den Panzer Bescheid, sahen aber zu diesem Zeitpunkt noch keine Veranlassung zur Beschlagnahme des Panzers. Die Spur der Ermittler „führt schließlich zu einem riesigen Grundstück an der Kieler Bucht. Der Besitzer hat bei NS-Devotionalien-Händlern einen exzellenten Ruf. Er ist alt, reich, und in einem unterirdischen Bunker steht ein Kampfpanzer „Panther“ der Wehrmacht“ [5]. Auch sonst scheint der Waffensammler aus seinem Hobby und dem Besitz des Panzers kein Geheimnis gemacht zu haben, denn der Ortsbürgermeister wusste der Presse zu zu berichten, dass der Panzer in dem Ort bekannt gewesen sei [6]. Laut BILD, erwarb der Sammler den Panzer bereits 1977 als Schrott in England [4]. Schon damals war das Rohr zerschnitten. „Der Rechtsanwalt des Mannes bezeichnet den Einsatz dementsprechend als unverhältnismäßig. „Der Panzer ist demilitarisiert. […] Es gebe eine Bescheinigung des Kreises Plön vom 31. Oktober 2005, wonach der Panzer seine Kriegswaffeneigenschaft verloren habe“ [6].

Auch die anderen Kriegswaffen scheinen ordnungsgemäß demilitarisiert worden zu sein. Somit dürfte der Vorwurf eines Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz kaum noch haltbar sein. Und auch die Handfeuerwaffen (Pistolen, Revolver und Gewehre) sind beim Kreis Plön ordnungsgemäß registriert [7]. Damit entfällt dann auch der Vorwurf eines Vergehens gegen das Waffenrecht.

Kosten und Verhältnismässigkeit

Mit dieser Aktion wurde der Öffentlichkeit ein Spektakel dargeboten welches wohl Vielen lange Zeit in Erinnerung bleiben wird. Was hierbei nicht außer Acht gelassen werden darf sind die Kosten, die hierbei entstanden sind. Immerhin waren 50 Polizeibeamte und 20 Soldaten über viele Stunden im Einsatz. Dabei wurde auch schweres Gerät der Bundeswehr eingesetzt. Allein hierfür dürfte locker ein 6-stelliger Betrag anzusetzen sein. Hinzu kommen dann wohl noch Schäden die vermutlich durch die Aktion entstanden sind. Der Anwalt des Sammlers hat bereits angekündigt, dass er Schadenersatz einfordern wird [6]. Wie aus den Bildern klar zu erkennen ist wurden das ehemalige Kriegsgerät offenbar bestens restauriert und aufgearbeitet. Damit handelt es sich nicht mehr um wertlosen Schrott, sondern um wertvolle historische Gegenstände. Anhand der Bilder in den Pressemitteilungen sind auch Schäden zu erkennen, die wohl durch die im Auftrag der Staatsanwaltschaft vor Ort agierenden Polizisten und Soldaten verursacht wurden. Wer jemals bei der Bundeswehr war, weiß dass Soldaten häufig nicht gerade rücksichtsvoll mit Technik umgehen. In Bild 1 ist deutlich zu erkennen, dass zum einen die Grasnarbe am Straßenrand beschädigt wurde. Dazu sind auch deutliche Spuren auf dem Asphalt zu erkennen. Da der Panzer über keine Laufketten verfügte wurde dieser offenbar auf den nackten Laufrollen über den Boden bewegt. Hierdurch könnten einzelne Laufrollen beschädigt worden sein. Auf dem nachfolgenden Bild  ist das Flak-Geschütz zu erkennen. Deutlich zu erkennen sind die platten Reifen der Lafette.

Schäden an Privateigentum Bildquellen [4]

Bild 1: Schäden an Privateigentum Bildquellen Bild Online [4]

Sollten die Vorwürfe, dass der Sammler gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz verstoßen hat tatsächlich nicht haltbar sein, werden nochmals Kosten für die Rückerstattung der beschlagnahmten Geräte entstehen. Dazu kämen dann noch vermutlich beträchtliche Schadenersatzforderungen. Es stellt sich die Frage, ob die Staatsanwaltschaft überhaupt anders hätte vorgehen können? Diese Frage muss eindeutig bejaht werden. Eine unmittelbare Gefahr im Verzug kann wohl schon allein an Hand der veröffentlichten Bilder und der Schilderungen der Medien ausgeschlossen werden. Der Panzer war ohne Laufketten nicht fahrbereit, dem Torpedo fehlt mindestens der Zünder (Bild 3). Eine Verdunkelungsgefahr bestand ebenfalls nicht, da der Sammler diese riesigen Geräte nicht hätte einfach verschwinden lassen können. Es hätte wohl schon genügt den Keller zu verplomben. Dann hätte die ermittelnden Behörden einen oder gerne auch mehrere Waffensachverständige hinzuziehen können. Diese Experten hätten den Zustand der Demilitarisierung begutachten können. In jedem LKA sowie auch beim BKA sind Waffenexperten vorhanden. Bei Bedarf hätten sicher auch Historiker aus einschlägigen Museen hinzugezogen werden können. Die historischen Kriegsgeräte hätten also gar nicht erst transportiert werden müssen. Die ermittelnde Staatsanwältin teilte der Presse mit, dass das Kriegsgerät nun „von einem externen Waffen-Sachverständigen, der am ersten Tag der Durchsuchung beratend im Einsatz gewesen sei, […] nun in aller Ruhe untersucht werden könne“ [8]. Ich frage mich dennoch, weshalb diese Untersuchung nicht direkt an Ort und Stelle durchgeführt wurde. Es kann doch nicht so schwer sein, festzustellen, ob ein Kanonenrohr durch geeignete Schnitte unbrauchbar gemacht wurde.

Fazit

Mit diesem Fall sollte wohl die Öffentlichkeit aufgeschreckt und gleichzeitig belegt werden, dass der Staat uns vor Irren Waffensammlern schützen kann. Effektiv wurde eine fast grotesk anmutende Aktion durchgeführt, die eine Menge Geld gekostet hat und wohl auch noch weiterhin kosten wird. Eine Verdunkelungsgefahr bestand auch nicht, da es offenbar zahlreichen Leuten bekannt war, dass der Sammler u.a. einen Panzer besitzt. Immerhin hat er diesen Panzer u.a. im Zug der Nachbarschaftshilfe eingesetzt. Auch dürfte es dem Sammler schwer fallen diese Geräte unauffällig verschwinden zu lassen. Es hätte im Grunde genügt den Keller zu versperren und zu verplomben, um dann in aller Ruhe vor Ort die ordnungsgemäße Demilitarisierung zu kontrollieren. Unverständlich erscheint mir, dass die Behörden heute so überrascht tun, wurde doch der Besitz zumindest des Panzers bereits vor Jahren u.a. dem Bundesministerium für Wirtschaft und den Behörden des Kreises Plön angezeigt. Die entsprechenden Unterlagen wurden vom Sammler der ermittelnden Staatsanwaltschaft persönlich ausgehändigt [9]. Damit bleiben noch die 70 beschlagnahmten Handfeuerwaffen. „Die zum Teil älteren Revolver, Pistolen, Flinten und Gewehre seien nach Auskunft der Plöner Kreisverwaltung alle registriert. Hinsichtlich ihrer Aufbewahrung seien aber Verstöße festgestellt worden. Deshalb stünde nun eine langwierige Zuverlässigkeitsprüfung an. Im Klartext: Es wird überprüft, ob der Waffenbesitzer seine Sammlung weiter komplett behalten darf“ [10]. Vermutlich waren genau diese Waffen der eigentliche Grund für diese Aktion. Hier soll einmal mehr ein legaler Waffenbesitzer wegen tatsächlicher oder vermeintlicher Verstöße gegen die Aufbewahrungsvorschriften enteignet werden. Ob tatsächlich solch gravierende Verstöße gegen die Aufbewahrungsvorschriften vorliegen, dass diese Waffen beschlagnahmt werden mussten und ggf. die Erlaubnis zum Besitz widerrufen werden muss sei dahingestellt. Hier werden sich wohl die Behörden, Sachverständigen und der Anwalt des Sammlers wohl noch lange vor Gericht streiten können. Was nun eine Zuverlässigkeitsprüfung im Kontext der Aufbewahrung von Waffen zu tun hat ist aus dem kurzen Artikel der Kieler Nachrichten nicht ersichtlich. Ich vermute jedoch, dass der Autor hier etwas durcheinander gebracht hat. Oder aber hier soll tatsächlich versucht werden dem Waffenbesitzer die Zuverlässigkeit abzusprechen. Immerhin ist der Sammler vermutlich in einen Kriminalfall mit Nazi-Kunst verwickelt. Auch das weitere Verhalten dieses Mannes, sammeln von NS-Devotionalien, Besitz von „Kriegswaffen“ etc. könnte ausreichen die Gesinnung und die Zuverlässigkeit in Frage zu stellen.

Dennoch bleibt bei dieser für die Ermittlungsbehörden eigentlich grotesken Affäre ein übler Nachgeschmack. Nicht jeder der Kunst oder andere Gegenstände aus der NS-Zeit sammelt muss notwendigerweise ein Nazi sein. Viele Menschen treibt auch das Interesse an der Zeitgeschichte an und ich bin geneigt dieses Interesse auch dem Sammler aus Kiel zu unterstellen, denn dieser hat viel Geld und Zeit in die Restauration der „Kriegsgeräte“ investiert. Dazu muss man sich eigentlich nur die Bilder betrachten, die „Kriegsgeräte“ sehen aus als kämen sie direkt aus der Fabrik. Oder wie es der Ortsbürgermeister gegenüber der Presse ausdrückte: „Der eine liebt Dampfeisenbahnen, der andere alte Panzer“ [11].

Dass die leitende Oberstaatsanwältin Birgit Hess keine Unbekannte ist „und  des öfteren mit hohem Aufgebot schnell beschlagnahmen lässt, um dann nach Monaten die Dinge im desolaten Zustand zurückzugeben (oder auch nicht, wenn sie sie schon verkauft hat)“ wird in einem Kommentar im FB-Blog der GRA  von Katja Triebel dokumentiert [12].

 

Quellennachweis

[1] Welt Online (dpa): „Das ist der Weltkriegs-Panzer aus dem Keller in Holstein“ in: http://www.welt.de/regionales/hamburg/article143487782/Das-ist-der-Weltkriegs-Panzer-aus-dem-Keller-in-Holstein.html; Stand:

[2] Spiegel Online: „Verschollene NS-Kunst: Auf der Spur der Hitler-Pferde“ in: http://www.spiegel.de/panorama/justiz/hitler-pferde-wie-das-lka-die-nazi-kunst-fand-a-1035155.html; Stand: 22.05.2015

[3] Andrè Klohn (Die Welt): „Weltkriegs-Panzer in Wohnhauskeller gefunden“ in:

http://www.welt.de/regionales/hamburg/article143408616/Weltkriegs-Panzer-in-Wohnhauskeller-gefunden.html; Stand: 01.07.2015

[4] Mike Passmann (Bild Online): „Dieser Panzer war in einem Keller versteckt!“ in: http://www.bild.de/news/inland/panzer/hier-wird-ein-panzer-aus-einem-haus-geholt-41617560.bild.html; Stand: 03.07.2015

[5] Konstantin von Hammerstein (Spiegel Online): „Braune Meister“ in: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-135105137.html; Stand: 23.05.2015

[6] Spiegel Online: „Kieler Bucht: Weltkriegspanzer und Flakgeschütz aus Villa gewuchtet“ in: http://www.spiegel.de/panorama/justiz/heikendorf-bei-kiel-panzer-flak-und-waffen-aus-keller-geborgen-a-1041868.html; Stand: 03.07.2015

[7] NDR.de: „Schweres Geschütz: Behörden ermitteln“ in: http://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/Schweres-Geschuetz-Behoerden-ermitteln,munitionsfund124.html; Stand: 03.07.2015

[8] NDR.de: „Schweres Geschütz: Behörden ermitteln“ in: http://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/Schweres-Geschuetz-Behoerden-ermitteln,munitionsfund124.html; Stand: 03.07.2015

[9] NDR.de: „Anwalt: „Der Panzer wurde schrottreif erworben“ in: http://www.ndr.de/wellenord/Er-wurde-schrottreif-erworben,anwaltsammler100.html; Stand: 02.07.2015

[10] Christoph Kuhl (Kieler Nachrichten): „Der Panzer ist geborgen“ in: http://www.kn-online.de/News/Aktuelle-Nachrichten-Ploen/News-Aktuelle-Nachrichten-Ploen/Staatsanwaltschaft-sucht-in-Heikendorf-nach-Kriegswaffen-aus-dem-2.-Weltkrieg; Stand: 02.07.2015

[11] Frank Pergande (FAZ): „Pensionär hat Panzer im Keller“ in: http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/weltkriegspanzer-in-keller-entdeckt-13681655.html; Stand: 02.07.2015

[12] Katja Triebel (GRA): Kommentar zu „Von wegen „Kriegspanzer gefunden“!“ in: https://de-de.facebook.com/GermanRifleAssociation/posts/708048435966335?comment_id=708058669298645; Stand: 03.07.2015

 

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