Der Notwehrfall von Hamburg

Vergangene Woche hatten sich Einbrecher in Hamburg mit massiver Gewaltanwendung Zutritt in ein Haus verschafft. Dabei hatten diese Einbrecher das Pech einem bewaffneten Hausbewohner gegenüber zu stehen, denn einer der Einbrecher wurde vom Schützen mit einem Schuss in die Brust getötet [1,2]. So weit, so schlimm. Offenbar erkannte auch die Staatsanwaltschaft die Notwehrsituation an und entließ den 63-Jährigen Schützen nach Einvernahme und ED-Behandlung wieder. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der Schütze nur mit einer Strafanzeige wegen unerlaubtem Waffenbesitzes zu rechnen. Doch die Qualitätsmedien haben offenbar herausragende Arbeit geleistet. In einzelnen Berichten wurde das Einbruchshaus gezeigt und auch bekannt gegeben, dass dieses in der Jenfelder Allee zu finden ist. Wem diese Information noch nicht ausreichte, dem wurde auch noch mitgeteilt, dass es sich um ein Einfamilienhaus in Klinkerbauweise handelt [1].

Tatort Hamburg Jennefeld

Tatort Hamburg Jennefeld. Quelle [1]

Ich frage mich ernsthaft, ob die Presse hier nicht zum Schutz der Privatsphäre verpflichtet war. Nun kommt es offenbar, wie es kommen musste, offenbar treffen sich nun regelmäßig Verwandte und sogenannte Freunde des toten Einbrecher um öffentlich ihren Verlust zu betrauern. „An der Todesstelle an der Jenfelder Allee/Ecke Kuehnstraße brennen inzwischen Dutzende Kerzen, mehrere Blumensträuße sind niedergelegt“ [3]. Der Schütze, der in Notwehr handelte, fühlt sich nun durch die „Trauergemeinde“ bedroht und traut sich seit dem nicht mehr aus dem Haus. Auch die Polizei scheint von einer möglichen Bedrohungslage auszugehen, da sie nun nachmittags mit Polizeiwagen rund um den Tatort Präsenz zeigen [4]. Auch im Internet wird der erschossene Einbrecher betrauert. „Leider hinterlässt Du nun eine kaputte, verletzte Familie, viele schmerzende Herzen und drei kaputte Kinderseelen“, schreibt eine Bekannte. „Ich hoffe, der Mann wird zur Rechenschaft gezogen, der Dir das angetan hat!“ [3]. Dabei blenden all diese Trauernden ein schlichtes Faktum aus: Ein gewaltsamer Einbruch (Tür eingetreten [1]) ist eine schwere Straftat. Der Täter selbst von der Erscheinung her mit einer Körpergröße von zwei Metern und breitem Kreuz ist wohl eher als bedrohlich einzuschätzen. Auch die Vita des Einbrechers spricht gegen einen friedlichen Charakter. Offenbar saß der Mann „mehr als drei Jahre im Gefängnis und wurde erst vor gut einem Monat entlassen. Die Polizei führte ihn wegen seiner vielen Straftaten offenbar als Intensivtäter“ [3]. Im Hinblick auf diese Tatsachen kann ich nur von einer extrem naiven Gesinnung der solchermaßen Trauernden oder von einer ganz bewussten Irreführung der Öffentlichkeit mittels einer perfiden Relativierung der Straftat ausgehen. Hier soll der Täter zum Opfer stilisiert werden, dabei gibt es zunächst nur zwei Opfer: Der 63-Jährige Schütze und sein pflegebedürftiger Vater, der nun nicht mehr vom Sohn versorgt werden kann. Der tote Einbrecher hat das Leben zweier friedlicher Menschen in Hamburg zerstört. Und erst in danach mit weitem Abstand kann ich den erschossenen Verbrecher und seine Kinder als Opfer betrachten. Der Tote hat sein Schicksal selbst herbeigeführt und damit das Wohl seiner Opfer und das Wohl seiner Familie auf dem Gewissen, nicht der 63-Jährige Rentner, der Nachts einen gewaltsamen Einbruch erleben musste. Und nein, dieser Artikel soll kein „Beifall von der falschen Seite sein“ [4]. Ich stelle nur sachlich fest, dass der Schütze aus Hamburg meines Erachtens völlig richtig gehandelt hat, indem er sich mit der Schusswaffe zur Wehr setzte. Und ich könnte mir vorstellen, dass es für den Schützen, sofern er kein emotionsloser Mensch ist, das Geschehene – einen Menschen getötet zu haben – eine traumatisierende Erfahrung war. Insofern sind nun die Nachstellungen oder Trauerfeierlichkeiten vor dem Haus durch Angehörige oder auch sogenannte Freunde des Täters absolut inakzeptabel.

Quellennachweis:

[1] Thomas Röthemeier (Bild.de): „Mutmaßlicher Einbrecher in Hamburg erschossen!“ in:
http://www.bild.de/news/inland/schiesserei/in-hamburg-jenfeld-mutmasslicher-einbrecher-getoetet-41480916.bild.html; Stand: 24.06.2015

[2] Schussendlich: „Nix Neues vom Geyer“ in: http://volkert.caliber-corner.de/2015/06/27/nix-neues-vom-geyer/; Stand: 27.06.2015

[3] Anastasia Iksanov und Marius Röer (Morgenpost Online): „Moustapha A. (✝25): Das ist der erschossene Räuber von Jenfeld“ http://www.mopo.de/polizei/wollen-die-angehoerige-nun-rache—moustapha-a—-25—das-ist-der-erschossene-raeuber-von-jenfeld,7730198,31055242.html; Stand: 27.06.2015

[4] Tim Walther (Morgenpost Online): „Er erschoss einen Räuber – jetzt traut er sich nicht mehr aus dem Haus“ http://www.mopo.de/nachrichten/dieter-b—aus-jenfeld-er-erschoss-einen-raeuber—jetzt-traut-er-sich-nicht-mehr-aus-dem-haus,5067140,31064602.html?google_editors_picks=true; Stand: 28.06.2015

%d Bloggern gefällt das: