Selbstmorde bei der Polizei in NRW

Heute bin ich bei der Recherche zum Thema Schusswaffenmissbrauch auf einen schon etwas älteren aber dennoch interessanten Artikel der WAZ aufmerksam geworden. Unter der Schlagzeile „Selbstmorde bei der Polizei in NRW häufen sich“ [1] berichtete die WAZ über eine wohl ungewöhnliche Häufung von Selbstmorden. Demnach sollen zwischen 2002 und 2013 88 Polizisten Selbstmord begangen haben. Für den Innenminister von NRW scheint diese Häufung von Selbstmorden völlig unverständlich zu sein, „da in vielen Suizidfällen keine Abschiedsbriefe oder andere Hinweise auf die Beweggründe hinterlassen wurden, könne über die Motivation der Beamten nur spekuliert werden“. Dagegen scheint es dem Initiator einer kleinen Anfrage an die Landesregierung NRW [2] klar zu sein, dass vor allem Berufseinsteiger bei der Polizei als Risikogruppen betroffen sind. Aus Sicht des Landespolizeidirektors ist „die ständige Verfügbarkeit von Dienstwaffen ein zusätzlicher Risikofaktor für die Suizide der Polizeibeamten“. So einfach sieht sieht für den Landespolizeidirektor die Welt also aus; es liegt an der Verfügbarkeit der Waffen, dass sich in NRW die Suizide unter Polizeibeamten häufen.

So einfach sind also die Gründe für eine Häufung von Suiziden unter Polizeibeamten in NRW: Die Verfügbarkeit der Dienstwaffen ist daran schuld und vor allem die jungen Berufsanfänger sind als Risikogruppe davon betroffen. Daraus kann man wohl nur folgern, dass insbesondere Berufsanfänger bei der Polizei keine Dienstwaffen mehr ausgehändigt bekommen und schon ist das Problem gelöst. Doch sind diese Zusammenhänge tatsächlich so einfach und klar wie der Artikel [1] es nahelegt?

In der Antwort auf die kleine Anfrage an die Landesregierung in NRW [3] wurden in einer Tabelle die Suizidfälle detailliert mit Tatjahr, Alter, Geschlecht und Dienstbehörde der Polizisten dokumentiert. Danach ergibt sich zusammengefasst zunächst folgendes Bild:

Zeitrahmen der dokumentierten Suizide 2003 bis 2013
Anzahl der Polizeibehörden mit Suizidfällen 38
Alter der Selbstmörder 23 bis 61
Männliche Selbstmörder 78
Weibliche Selbstmörder 10

Nachfolgend wurden die vorliegenden Daten grafisch aufbereitet und die Fallzahlen nach Alters der Selbstmörder aufgetragen. Die Angabe k.A. bedeutet, dass in der Antwort auf die kleine Anfrage die entsprechende Angabe fehlt.

Suizide Polizei NRW nach Altersgruppen

Suizide Polizei NRW nach Altersgruppen

 

In diesem Diagramm fällt zunächst auf, dass die Berufsanfänger als besondere Risikogruppe kaum auffällt. Üblicherweise beginnen Polizisten im Alter zwischen 17 und 24 Jahren ihre berufliche Laufbahn im Vollzugsdienst. Die höchste Suizidrate weisen die Gruppen der 40- bis 54-Jährigen auf. Damit ist die Annahme widerlegt, dass vor allem Berufseinsteiger bei der Polizei als Risikogruppen von Suiziden betroffen sind. Auffällig ist die Normalverteilung der Fallzahlen. Ob diese Verteilung der Fallzahlen den Fallzahlen aus der Bevölkerung Deutschlands entspricht zeigt ein direkter Vergleich mit dem Diagramm aus [4]. In diesem Diagramm wurden die zu vergleichenden Altersgruppen mit einem roten Rahmen gekennzeichnet. Bei diesem einfachen Vergleich fällt auf, dass die Fallzahlen der Sterblichkeit durch Suizide von Polizeibeamte in NRW deutlich abweichen.

Sterblichkeit durch vorsätzliche Selbstbeschädigung nach Altersgruppen und Geschlecht je 100.000 Einwohner und Jahr Deutschland 2007

Sterblichkeit durch vorsätzliche Selbstbeschädigung nach Altersgruppen und Geschlecht je 100.000 Einwohner und Jahr Deutschland 2007
Quelle: Wikipedia [4]

Es sei darauf hingewiesen, dass der direkte qualitative Vergleich der beiden Diagramme auf Grund eines systematischen Fehlers zu Fehlinterpretationen führen kann, da im Falle der Daten aus der Bevölkerung [4] die für Männer und Frauen geltenden Fallzahlen separat als blaue bzw. rote Balken ausgewiesen wurden, wohingegen im Diagramm der Fallzahlen aus den Polizeibehörden nicht weiter zwischen Männer und Frauen differenziert wurde. Deshalb wurden im folgenden Diagramm die für Männer und Frauen geltenden Fallzahlen aus dem Diagramm [4] aufsummiert und den Fallzahlen der Polizeibehörden NRW [3] gegenübergestellt.

Vergeleich der Suizide Polizei NRW Bevölkerung BRD

Vergeleich der Suizide Polizei NRW Bevölkerung BRD

 

In dieser Gegenüberstellung muss berücksichtigt werden, dass die für die Polizeibehörden mitgeteilten Fallzahlen absolute Fallzahlen darstellen, wohingegen die Fallzahlen für die Bevölkerung relative, auf 100.000 Einwohner normierte Werte darstellen. Allerdings kann dieses Detail vernachlässigt werden, da ein qualitativer Vergleich beabsichtigt ist. Im qualitativen Vergleich ist deutlich zu erkennen, dass die Selbstmorde der Polizeibeamten mit zunehmendem Alter deutlich steiler ansteigen als in der Gesamtbevölkerung. Daraus lässt sich der Schluss ziehen, dass Polizisten einem deutlich höheren Selbstmordrisiko unterliegen. In der Altersgruppe der 45- bis 49-Jährigen erreicht die Selbstmordrate den Höhepunkt und sinkt danach steil ab, wohingegen die Selbstmorde in der Gesamtbevölkerung weiter ansteigen. Dieser Effekt lässt sich auf zwei wesentliche Ursachen zurückführen. Zum einen werden ältere Polizisten häufig aus dem regulären Streifen- und Bereitschaftsdienst im Schichtbetrieb herausgezogen und in den Revierdienst bzw. in die Einsatzleitung versetzt. Zum anderen gehen viele Polizeibeamte auf Grund akuter gesundheitlicher Probleme vorzeitig in die Pension. Das deutlich höhere Selbstmordrisiko mit der Verfügbarkeit der Dienstwaffe zu erklären greift sicher zu kurz. Wie bereits in anderen Artikeln beschrieben gibt es keine Korrelation zwischen der Verfügbarkeit von Schusswaffen und der Selbstmordrate (siehe z.B. [5]). Auf Grund der in [3] mitgeteilten Fallzahlen lässt sich eine solche Korrelation ebenfalls ausschließen. Wenn man davon ausgeht, dass die Verfügbarkeit von Schusswaffen einen maßgeblichen Einfluss auf die Zahl der Selbstmorde hat, sollte man von der Annahme ausgehen können, dass die Selbstmordrate in den Polizeibehörden weitgehend gleichmäßig verteilt ist. Deshalb wurden die Fallzahlen der verschiedenen Polizeibehörden verglichen. Da jedoch keine Daten über den Personalbestand der Polizeibehörden vorliegen wurde von der Annahme ausgegangen, dass der Personalbestand der Polizeibehörden weitgehend proportional der Gesamtbevölkerung ist. Damit ergibt sich für NRW ein höchst uneinheitliches Bild (siehe nachfolgende Tabelle).

Polizeibehörde Anz. Suizide Einwohner Suizide pro 100.000 EW
Köln 5 1.034.175 0,5
Düsseldorf 5 598.686 0,8
Dortmund 7 575.944 1,2
Bochum 5 361.734 1,4
Recklinghausen 5 115.320 4,3

Bemerkenswert ist hier die hohe Suizidrate ausgerechnet in einer kleinen Stadt wie Recklinghausen. In Recklinghausen ist die Selbstmordrate unter Polizisten fast neun mal höher als in Köln. Es kann wohl davon ausgegangen werden, dass auch in Köln die Polizisten mit Dienstwaffen ausgestattet werden. Somit ist die Annahme gerechtfertigt, dass nicht die Dienstwaffen das Problem sind. Vielleicht sollte man damit beginnen das Arbeitsumfeld der Polizisten insbesondere in Polizeibehörden wie Recklinghausen zu untersuchen?

Fazit:

Am Beispiel der Polizei in NRW konnte gezeigt werden, dass mindestens dort Polizeibeamte im Vergleich zur Gesamtbevölkerung ein höheres Risiko haben Selbstmord zu begehen. Die Vermutung, dass junge Berufseinsteiger ein höheres Suizidrisiko haben konnte ebenso widerlegt werden wie die Vermutung dass die Verfügbarkeit von Schusswaffen zu dem Risiko beitragen. Es muss vermutlich davon ausgegangen werden, dass Belastungen durch die ständige Bewältigung von Konflikt- und Bedrohungssituationen sowie Mobbing im Dienst dazu beitragen, dass viele Polizisten an die Grenzen ihrer Belastbarkeit geführt werden. Aber die Erklärung, dass die Verfügbarkeit von Schusswaffen zum Risiko maßgeblich beitragen ist natürlich viel einfacher und entbindet von der Fürsorgepflicht des Dienstherren.

Quellennachweis:

[1] Wilfried Goebels (WAZ): „Selbstmorde bei der Polizei in NRW häufen sich“ in: http://www.derwesten.de/region/selbstmorde-bei-der-polizei-in-nrw-haeufen-sich-id8484407.html#plx1640141305; Stand: 24.09.2013

[2] Landtag NORDRHEIN-WESTFALEN, 16. Wahlperiode: „Kleine Anfrage 1333 des Abgeordneten Dirk Schatz PIRATEN – Tabuthema Suizid in der Polize“ in: http://www.piratenfraktion-nrw.de/wp-content/uploads/2013/06/3282zu1333.pdf ((LANDTAG NORDRHEIN-WESTFALEN Drucksache 16 / 3282); Stand: 14.06.2013

[3] NRW Landesregierung: „Antwort der Landesregierung auf die Kleine Anfrage 1333 vom 13. Juni 2013 des Abgeordneten Dirk Schatz PIRATEN; Drucksache 16 / 3282“ in: http://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/MMD16-4046.pdf?von=1&bis=0 (LANDTAG NORDRHEIN-WESTFALEN Drucksache 16 / 4046); Stand: 19.09.2013

[4] Wikipedia: „Sterblichkeit durch vorsätzliche Selbstbeschädigung nach Altersgruppen und Geschlecht je 100.000 Einwohner und Jahr Deutschland 2007 (Diagramm)“ in: http://de.wikipedia.org/wiki/Suizid#/media/File:SelbsttoetungSterblichkeit.png; Stand: 20.05.2015

[5] volkert (Schussendlich): „Weniger Waffen – weniger Selbstmorde“ in: http://volkert.caliber-corner.de/2013/09/20/weniger-waffen-weniger-selbstmorde/; Stand: 20.09.2013

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