Amerikanische Verhältnisse

Auf der Website vom „dagarser“ wurde in den vergangenen Tagen ein interessanter Artikel über die sogenannten Amerikanischen Verhältnisse veröffentlicht [1]. Anlass für diesen Artikel war eine parlamentarische Petition für ein liberales Waffenrecht in Österreich [2]. Ziel der Petition ist mehr Sicherheit durch ein liberales Waffenrecht zu erhalten. Selbstverständlich wurde über diese Petition auch in den Medien berichtet. Dabei wurden unter anderem in den Kommentarbereichen der Medien „ausdauernd vor den ach-so-bösen amerikanischen Verhältnissen gewarnt, die unweigerlich Einzug halten würden, wenn [Österreich] ein wirklich liberales Waffenrecht hätte“. Deshalb stellte der Autor sich die Frage, wie es aber tatsächlich aussähe, wenn die Menschen bewaffnet sein dürfen? Hierfür zitierte der Autor den Polizeichef von Detroit, welcher der Meinung ist daß eine Bewaffnung der Bürger die Kriminalität tatsächlich eindämmt. Immerhin konnte Detroit nach einer Liberalisierung des Waffenrechts einen enormen Rückgang der Deliktzahlen registrieren. Dieser Rückgang der Deliktrate wird darauf zurückgeführt, „daß sich Verbrecher eine Tat zweimal überlegen, weil die Bürger ja bewaffnet sein könnten“.

Diese Aussage ist doch sehr interessant und verdient es geprüft zu werden. Im Internet fallen hierzu vereinzelte Aussagen auf, die besagen dass seit der Einführung der Erlaubnis zum verdeckten Tragen von Schusswaffen die Gewaltdelikte deutlich zurückgegangen sind [z.B. 3]. Jedoch lässt sich kein systematischer Beleg für die Hypothese finden, dass bewaffnete Bürger tatsächlich zu einer Verringerung der Deliktraten beitragen. Deshalb wurde im Folgenden versucht aus unterschiedlichen Quellen den entsprechenden Zusammenhang nachzuweisen.

Zunächst wurden die Daten zur Entwicklung der Gewaltkriminalität in den USA [4] sowie eine Statistik über die Anzahl der für den Waffenerwerb in den USA erforderlichen Background Checks [5] herangezogen. Aus den in [4] mitgeteilten Daten sind die Deliktraten (Anzahl Delikte pro 100.000 Einwohner) für die Gewaltdelikte, Mord, Vergewaltigung, Raub und schwere Körperverletzung für den Zeitraum von 1993 bis 2012 zu entnehmen. Leider konnte keine Statistik über den Erwerb von Schusswaffen in den USA über einen längeren Zeitraum gefunden werden. Deshalb wurde Ersatzweise die Anzahl der Background-Checks für den Kauf von Feuerwaffen in den USA seit 1999 für die Auswertung herangezogen. Die Anzahl der Background-Checks sollte eine gute Näherung bezüglich des Waffenerwerbs in den USA darstellen, da Background-Checks in den meisten Bundesstaaten Vorschrift für den Waffenerwerb ist. In der folgenden Tabelle und im folgenden Diagramm sind diese beiden Datensätze zusammen dargestellt.

Gewaltverbrechen und Background Checks

Gewaltverbrechen und Background Checks

ViolentCrimes_vs_BackgroundChecks

ViolentCrimes_vs_BackgroundChecks

In dieser Darstellung ist zu erkennen, dass seit 1993 die Deliktraten der Gewaltverbrechen (blaue Punkte) tatsächlich deutlich abgenommen haben. Auch hat die Anzahl der Background-Checks und damit der Waffenerwerb seit 2005 bis 2012 deutlich zugenommen (rote Punkte). Augenscheinlich kann bestenfalls eine schwache Korrelation zwischen zunehmenden Waffenbesitz und abnehmender Delikthäufigkeit erkannt werden. Für eine verlässliche Aussage ist die vorliegenden Datenbasis nicht aussagekräftig genug. Deshalb wurde im nächsten Schritt versucht den hypothetischen Zusammenhang mit anderen Daten nachzuweisen. In der Wikipedia sind unter dem Titel „Gun violence in the United States by state“ die Mordraten und der Waffenbesitz in den US-Bundesstaaten inklusive dem District of Columbia tabellarisch widergegeben [6]. Der Waffenbesitz ist in dieser Tabelle nicht als Anzahl Schusswaffen pro 100 Einwohner sondern als Prozentsatz der Bevölkerung angegeben, welche Waffen besitzt. Gleichzeitig ist die Anzahl der „Gun Murders“ als Anzahl pro 100.000 Einwohner angegeben.

Im nachfolgenden Diagramm sind diese Daten grafisch dargestellt.

GunOwnerShip_vs_GunMurders

GunOwnerShip_vs_GunMurders

In dieser Darstellung fallen die Daten für den District of Columbia deutlich aus dem Rahmen, da einerseits der Anteil der Waffenbesitzer (blaue Balken) der geringste aller Bundesstaaten, gleichzeitig aber die Mordrate mit Schusswaffen (rote Balken) die der anderen Bundesstaaten weit überragt. Im Vergleich hierzu ist die Deliktrate für Wyoming eine der Geringsten trotz des enorm hohen Anteils an Waffenbesitzern. Dies scheint der gängigen Hypothese, dass die Verfügbarkeit von Schusswaffen unbedingt auch mit einer entsprechenden Rate mit Schusswaffen getöteter Menschen einhergeht zu widersprechen. Von vielen Zeitgenossen wird das verdeckte Tragen von Schusswaffen als besonders gefährlich empfunden. Trotzdem ist das verdeckte Tragen von Schusswaffen seit einiger Zeit, wenn auch häufig mit Auflagen verbunden, in den meisten Bundesstaaten gestattet [7]. Um festzustellen, ob das verdeckte Tragen von Waffen die Schusswaffenkriminalität zusätzlich anheizt wurden im Diagramm alle Bundesstaaten in denen das verdeckte Tragen von Waffen grundsätzlich nicht gestattet ist mit einer roten Linie gekennzeichnet. Wie zu erkennen ist sind dies auch die Staaten mit der geringsten Anzahl Waffenbesitzer. Dieser Befund lässt sich leicht dadurch erklären, dass in Bundesstaaten in welchem das verdeckte Tragen von Schusswaffen verboten ist meistens auch strengere Waffengesetze gelten und als Folge der strengeren Waffengesetze auch eine geringere Anzahl Waffenbesitzer resultiert. Wie aus dieser Darstellung zu ersehen ist scheint das verdeckte Tragen von Waffen keinen Einfluss auf die Deliktrate zu haben. Aus dieser Darstellung lässt sich leider keine Aussage über die Verfügbarkeit von Schusswaffen im Bezug auf die Delikthäufigkeit zuverlässig erkennen. Das kann aber auch daran liegen, dass die Delikthäufigkeit allein auf Schusswaffenmorde bezogen wurde. Es ist leicht nachvollziehbar, dass bei einer höheren Verfügbarkeit eines Tatwerkzeuges, dieses auch häufiger für entsprechende Delikte eingesetzt wird. Im nächsten Schritt wurde nun von der Überlegung ausgegangen, dass auch Menschen die Gewalttaten begehen durchaus rational handeln und unter Abwägung der Risiken nur dann bereit sind Gewalttaten zu begehen, wenn das Risiko hinreichend gering ist. Wenn ein Täter damit rechnen muss bei der Begehung der tat selbst zu Schaden zu kommen wird er wahrscheinlich von der Ausführung der Tat Abstand nehmen. Wenn also Kriminelle aus Furcht vor dem bewaffneten Bürger vor Verbrechen zurückschrecken wäre der Welt doch schon sehr geholfen. Deshalb wurde im nächsten Schritt versucht nachzuweisen, ob der bewaffnete Bürger tatsächlich eine abschreckende und damit die Delikthäufigkeit reduzierende Wirkung hat. Hierfür wurden die Daten der Gewaltkriminalität in den USA aus [8] entnommen und mit dem Anteil der bewaffneten Personen aus [6] im folgenden Diagramm zusammengestellt.

Gewaltverbrechen  vs Waffenbesitz in den USA

Gewaltverbrechen vs Waffenbesitz in den USA

In diesem Diagramm repräsentiert die blaue Kurve die Fallzahlen der Gewaltkriminalität für die jeweiligen Bundesstaaten. Dabei umfasst die Gewaltkriminalität die Tatbestände Mord, Vergewaltigung, Raub und schwere Körperverletzung. Die rote Kurve repräsentiert den Anteil der bewaffneten Bevölkerung der jeweiligen Bundesstaaten. Der Verlauf der beiden Kurven legt einen sehr deutlichen Zusammenhang zwischen Waffenbesitz und Delikthäufigkeit nahe. Demnach sinkt die Fallzahl der Gewaltdelikte mit zunehmender Bewaffnung der Bürger. Damit scheint eine abschreckende Wirkung eines liberalen Waffenrechts auf gewaltbereite Kriminelle faktisch bewiesen zu sein.

In der Diskussion um den Waffenbesitz in privater Hand wird immer wieder die sogenannten Amerikanischen Verhältnisse als warnendes Beispiel anführt. Mit der hier gezeigten Korrelation zwischen dem Anteil der Waffenbesitzer und der Gewaltkriminalität muss es nun erlaubt sein die Amerikanischen Verhältnisse als positives Beispiel darzustellen, denn ein liberales Waffenrecht könnte tatsächlich zu einer Reduktion der Gewaltkriminalität führen. Ob die hier für die USA nachgewiesene Korrelation auch einen kausalen Zusammenhang hat muss noch untersucht werden, ebenso ob der hier vorgestellte Befund sich auch auf Europa übertragen lässt.

Quellennachweis:

[1] dagarser: „Amerikanische Verhältnisse“ in: http://dagarser.wordpress.com/2014/07/20/amerikanische-verhaltnisse/; Stand 20.Juli 2014

[2] dagarser: „Die Petition ist online!“ in: http://dagarser.wordpress.com/2014/07/15/die-petition-ist-online/; Stand: 15.Juli 2014.

[3] americangunfacts: „A factual look at Guns in America“ in: http://americangunfacts.com/; Stand: 21.Juli 2014

[4] Federal bureau of Investigation: „Crime in the United States 2012“ in: http://www.fbi.gov/about-us/cjis/ucr/crime-in-the-u.s/2012/crime-in-the-u.s.-2012/tables/1tabledatadecoverviewpdf/table_1_crime_in_the_united_states_by_volume_and_rate_per_100000_inhabitants_1993-2012.xls; Stand: 21.07.2014

[5] statista.com: „Anzahl der Background-Checks für den Kauf von Feuerwaffen in den USA von 2000 bis 2012 (in Millionen)“ in: http://de.statista.com/statistik/daten/studie/248886/umfrage/background-checks-fuer-den-kauf-von-feuerwaffen-in-den-usa/; Stand: 21.07.2014

 [6] wikipedia: „Gun violence in the United States by state“ in: http://en.wikipedia.org/wiki/Gun_violence_in_the_United_States_by_state; Stand: 21.Juli 2014

[7] Law Center To Prevent Gun Violence: „Concealed Weapons Permitting Policy Summary“ in: http://smartgunlaws.org/concealed-weapons-permitting-policy-summary/; Stand: 28. August 2013

[8] infoplease: „Crime Rate by State, 2011“ in: http://www.infoplease.com/us/statistics/crime-rate-state.html; Stand: 22.07.2014

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