Hurra, die Apokalypse ist da!

Heute möchte ich ich mich über ein Thema auslassen, das nur mittelbar mit dem Thema Waffen zu tun hat. Das Thema welches mich beschäftigt ist die heutige Form des Journalismus. Das Wesentliche am Journalismus ist die Nachricht, heißt es. Als wichtige Nachricht gilt heute fast nur noch, was Presseagenturen melden. Und dabei werden die Agenturen häufig auch noch gefiltert bevor sie von den lokalen Medien aufgenommen und publiziert werden. Denn für alle Medien gilt heute mehr denn je der Grundsatz „Sex and Crime sells“. Nur sensationelle Nachrichten lassen sich gut verkaufen und steigern Umsatz, Ertrag und Rendite. Sobald irgendwo etwas vermeintlich wichtiges oder gar sensationelles ereignet berichten hunderte Zeitungen und andere Medien nahezu wortgleich darüber und unterscheiden sich nur noch in der grafischen Gestaltung. In einer US-Talkshow wurde dieses Phänomen bereits erkannt.

Presseagenturen sind für den Journalismus von heute so etwas wie Fastfood-Ketten. Egal wo man diese auf der Welt antrifft, überall gibt es das Gleiche zu essen. Wozu braucht man dann eigentlich noch Journalisten, wenn selbst der Burda-Vorstandschef in einem Interview in der „Zeit“ verlauten lässt, dass „das Schreiben an sich an Bedeutung verlieren [wird]“? Wenn man unter Schreiben das Abschreiben irrelevanter Pseudo-Neuigkeiten und das faktenbefreite Hochstilisieren von zugegebenermaßen schrecklichen Tragödien zu Apokalyptischen Visonen versteht, hat er recht.

Wie aus Nachrichten Sensationen werden

Geradezu grotesk wird es aber, wenn die Nachrichten die vermittelt werden sollen auch noch jenseits jeglicher Faktizität zu Sensationsmeldungen hochstilisiert werden. Genau solches wurde erst vor wenigen Tagen unisono von nahezu allen Medien in diesem Land im Zuge der Berichterstattung über den Orkan Xaver getan. Noch kurz vor dem Landfall des Orkans mutmaßten zahlreiche Medien Schlimmes für die Halligen in der Nordsee und die Küstenregionen. Eine Sturmflut von den Ausmaßen der katastrophalen Hamburger Flut von 1962 wurde befürchtet. Aber auch weiter im Landesinnern sollte der Orkan für katastrophale Zustände sorgen. Bild- und Spiegel-Online richteten einen Nachrichtenticker ein, damit auch ja keine Sensation verpasst wird. Im Fernsehen bekam man Reportagen quasi direkt von der Front geboten. Dabei wurden hier und da (vielleicht aus dramaturgischen Gründen?) die Fakten ein wenig übertrieben dargestellt. Im NDR-Fernsehen stellte sich eine Reporterin unerschrocken in Dagebüll (Niedersachsen) mitten in den Sturm, der immerhin schon so stark zu sein schien, dass die Dame sichtlich Mühe hatte ruhig stehen zu bleiben [1]. Auch der vom Mikrofon übertragene Ton klang stark verzerrt. Alles scheinbare Auswirkungen der ungeheuren Naturgewalten. Eigenartig dabei ist nur, dass einerseits die Deicharbeiter, die im Bildhintergrund am Deichtor arbeiten kaum von den ungeheuren Gewalten berührt zu sein scheinen. Natürlich kann man annehmen, dass die Arbeiter direkt hinter dem geschlossenen Deichtor im Windschatten stehen. Eigenartig wirkt jedoch der Mann, der im rechten Bildrand ganz ruhig direkt auf der Deichkrone steht. Sollte der Wind ausgerechnet an dieser Stelle mit verminderter Wucht getobt haben? Kaum vorstellbar.

Orkan Xaver m NDRNachdem in Hamburg endlich Entwarnung gegeben wurde und der Orkan weiter Richtung Baltikum gezogen war wurde bereits eine Bestandsaufnahme der katastrophalen Schäden vorgenommen. Eine Tragödie von nationaler Tragweite hatte sich offenbar in Berlin ereignet, wo der Orkan den Weihnachtsbaum vor dem Bundespräsidialamt gefällt hatte [2].

Xaver fält den Weihnachtsbaum des bundespräsidentenAm Ende des Orkans hatte dieser Orkan europaweit drei Menschen das Leben gekostet und abgesehen vom umgefallenen Weihnachtsbaum zugegebenermaßen für beträchtliche Schäden gesorgt. In der Summe jedoch muss man sich ernsthaft fragen ob der Medienrummel tatsächlich den Fakten entsprechend angemessen war. Die Flut blieb mit ca. 50cm deutlich hinter der von 1962. Und selbst wenn die Pegelstände die Marke von 1962 überschritten hätten, so bestand kaum ernsthafte Gefahr, weil in den vergangenen 50 Jahren die Deiche erhöht und verstärkt worden sind. So gesehen war Xaver eher ein Orkan im Wasserglas. Für eine glaubhafte Nachrichtenübermittlung hätte es doch genügt einfach auf die möglichen Gefahren durch den Orkan hinzuweisen und die Bevölkerung zur Vorsicht anzuhalten. Dazu bedarf es keiner sensationsgierigen Übersteigerungen, dramatisierender Reportagen und ständige Vergleiche mit lange zurückliegenden Katastrophen.

Wie aus einer Katastrophe die Apokalypse wird

Peinlich und meines Erachtens auch unverantwortlich agieren die Medien, wenn diese Katastrophen zu regelrechten Apokalypsen überzeichnen. Wir erinnern uns sicher noch alle an den Typhoon der Anfang November auf den Phillipinen wütete, katastrophale Schäden verursachte und zahlreiche Menschenleben forderte. Heute kaum einen Monat später erinnert sich noch kaum jemand an diese Katastrophe, dabei überboten sich doch insbesondere in Deutschland die Medien hinsichtlich der Windgeschwindigkeiten. Während der Spiegel noch von Windgeschwindigkeiten von 250km/h und Böen von bis zu 315km/h zu berichten wusste, waren es nach in der Tagesschau [3] 379km/h, in der Welt [4] bereits 380km/h und bei Focus-Online [5] und RP-Online [6] bereits sagenhafte 400km/h.

Tagesschau meldet 379km/hRP-Online meldet 400km/hInfolge dieses Taifuns haben zahlreiche Menschen ihr Leben sowie Hab und Gut verloren. Zum Teil hatte dieser Taifun verheerende Schäden hinterlassen. Auch hier vermittelten insbesondere die deutschen Medien geradezu apokalyptische Szenen, die an Dramatik kaum noch zu überbieten waren. Über Nachrichtenticker wurde ständig die Anzahl der Menschenleben gemeldet, die diese unzweifelhaft schreckliche Katastrophe gefordert hatte. Auch hier überboten sich die Nachrichtenmeldungen gegenseitig, bis irgendwann die Zahl 10.000 kolportiert wurde. Allerdings wurden diese Meldungen so abgefasst, dass durchaus noch weit mehr Todesopfer zu befürchten waren. So wusste am 10.11.2013 Spiegel Online zu berichten, dass der Taifun allein in der am schwersten betroffenen Provinz (Leyte) mindestens 10.000 Menschenleben gefordert hatte und berief sich dabei alein auf die Mitteilung eines einzelnen ranghohen Polizeibeamten [7]. Damit wurde den Lesern die klare Botschaft vermittelt, dass noch weit mehr Menschenleben dem Sturm zum Opfer gefallen waren. Auch die Schäden an Häusern und Infrastruktur wurden mit dramatischen Bildern dokumentiert. Gezeigt wurden Menschen inmitten von gigantischen Trümmerbergen, Luftbilder von verheerten Straßenzügen in unmittelbarer Küstennähe, gestrandete Schiffe und Boote sowie Familien mit Kindern die unter erbärmlichen Bedingungen unter Plastikplanen hausen mussten. Dazu wurde von massiven Plünderungen berichtet und dass die Regierung der Philippinen deshalb eigens Militär- und Polizeieinheiten in Marsch setzen mussten um für Ordnung zu sorgen.

Die Fakten zum Taifun auf den Philippinen

Tatsächlich wurden die Philippinen im November von einem gewaltigen tropischen Sturm heimgesucht in dessen Folge zahlreiche Menschen Hab und Gut und im schlimmsten Fall sogar ihr Leben verloren. Allerdings war die Situation angefangen von den Windgeschwindigkeiten bis hin zu den Opferzahlen nicht ganz so dramatisch wie die hiesigen Medien das dargestellt haben. Dabei hätte schon eine einfache Recherche im Internet genügt, um ein etwas Bild zu erhalten. Beispielsweise hätte ein Blick auf die Website des Wetteramtes der Philippinen (Philippine Atmospheric, Geophysical and Astronomical Services Administration) genügt um die tatsächliche Windgeschwindigkeit zu recherchieren. So wurde z.B. am 09.November die Windgeschwindigkeit mit 175km/h mit Böen in der Spitze bis zu 210km/h angegeben.

Mitteilung des Philippinischen Wetteramtes

In der englischen Wikipedia ist nachzulesen, dass dauerhafte Windgeschwindigkeiten in der Spitze bis zu 230km/h mit Böen bis zu 315km/h gemessen wurden [9]. Das sind Windgeschwindigkeiten, die weit weg von den gemeldeten 400km/h sind. Auch was die Zahl der Todesopfer angeht wurde in den Medien geradezu maßlos übertrieben. Tatsache ist, dass offenbar ein einzelner regionaler Polizeibeamter in der am stärksten vom Sturm betroffenen Provinz Leyte der Presse diese Zahl als erste Schätzung genannt hatte. Dabei muss dieser Polizist ob der katastrophalen Ereignisse und Schäden wohl selbst noch unter Schock gestanden haben. Diese übertrieben hohe Opferzahl wurde auch unmittelbar vom Staatspräsident Aquino öffentlich kritisiert [10]. Aktuell wird die Anzahl der Opfer in der englischen Wikipedia mit knapp 5.700 Toten und weiteren 1.700 Vermissten angegeben. Die deutsche Wikipedia hingegen geht noch immer von einer Anzahl der Toten alleine in der Provinz Leyte von rund 10.000 Menschenleben aus [11]. Dabei bezieht sich die deutsche Wikipedia immer noch auf eine Meldung des Tagesspiegel vom 10. November [12]. Seriosität und Aktualität sehen meines Erachtens anders aus. Was nun die Schäden angeht sind diese in der Tat gewaltig. Als Konsequenz wurden Militär- und Polizeieinheiten aus anderen Regionen in Marsch gesetzt, um in den Katastrophengebieten vor allem aufzuräumen und der notleidenden Bevölkerung Hilfe zu bringen, denn auf den Philippinen gibt es keine zivilen, dem deutschen THW vergleichbaren, Organisationen, die im Katastrophenfall effizient Hilfe leisten können. Daneben sollten die in das Katastrophengebiet entsandten Soldaten und Polizisten natürlich auch für Ruhe und Ordnung sorgen und gegen Plünderer vorgehen [13].

Soldaten und poliyisten als KatastrophenhelferWas nun die vermeintliche Einmaligkeit dieses Taifuns angeht so muss man wissen, dass Taifune genauso wie Hurricane als tropische Stürme keine Seltenheit sind. Jedes Jahr werden zahlreiche tropische Stürme registriert. Und dabei sind auch Super Taifune der Kategorie 5 keine Seltenheit [14]. Problematisch wird es erst, wenn diese Stürme über bewohnten Gebieten ihre zerstörerische Kraft wirken lassen. Der Taifun mit den bislang meisten Todesopfern ereignete sich auf den Philippinen im Jahr 1881 [11]. Ein weiterer Taifun mit 15.000 Toten suchte ebenfalls vor allem die heute am stärksten betroffene Provinz Leyte heim [15].

Liste Philippinischer Taifune 15.000 Tote durch Taifun in 1912Was hat das alles mit Waffen zu tun?

Orkane und Taifune als solche haben natürlich nichts mit Waffen zu tun. Wenn es jedoch zur Katastrophe kommt dann scheinen sich die Medien heutzutage gerne in einen apokalyptischen Rausch zu steigern. Dabei spielt es offenbar keine allzu wichtige Rolle die Nachrichten mit der tatsächlichen Faktenlage abzugleichen. Allzu gerne werden dabei Katastrophen überzeichnet und immer wieder die Einmaligkeit der Vorgänge betont. Wenn wieder einmal ein Irrer mit der Schusswaffe scheinbar vollkommen grundlos und spontan Unschuldige ums Leben bringt, überschlagen sich die Medien geradezu darin sich in der Schrecklichkeit ihrer Meldungen zu überbieten. Ebenso agieren die Medien auch bei durch Wetterereignisse ausgelöste Naturkatastrophen. Die Rezipienten solcher überzeichneten Nachrichten müssen zwangsläufig den Eindruck bekommen, dass es solche Vorgänge in den geschilderten Ausmaßen noch nie zuvor gegeben hat. Wenn man sich jedoch die Mühe macht die dargebotenen Nachrichten zu hinterfragen und echte Fakten recherchiert kommt man unweigerlich zum Schluss, dass es so etwas auch schon vorher und vielleicht sogar mit weit schlimmeren Auswirkungen gegeben hat. Eigentlich sollte man solche Recherchen von professionellen Journalisten erwarten dürfen. Heute aber zählt zunächst einmal die schnelle und häufig nicht verifizierte oder verifizierbare Sensation (sex & crime sells). Welche Redaktion nimmt sich noch die Zeit für saubere Recherchen? Und dann sind sicher auch ideologische Gründe maßgebend für die faktische Qualität der Nachrichten. In solchen Fällen werden den Rezipienten dieser Nachrichten durch die geschickte Auswahl der Informationen, die häufig auch aus dem ursprünglichen Kontext herausgerissen wurden vorgelegt. Hierdurch wird es den Rezipienten der Nachrichten in Form eines  „betreuten Denkens“ ermöglicht genau zu den Einsichten zu kommen, die beabsichtigt wurden. Hierdurch wird der Rezipient der Nachrichten konditioniert und in intellektueller Hinsicht geradezu entmündigt. Im Fall der Waffenproblematik gibt es ganz eindeutig eine Anti-Waffen-Lobby, die vehement für eine Entwaffnung unbescholtener Bürger eintritt. Im Fall der Sturmkatastrophen spielt der vermeintlich durch den Menschen verursachte Klimawandel eine bedeutende Rolle. Praktischerweise ereignete sich der Taifun Hayan/Yolanda ja nur wenige Tage vor der Weltklimakonferenz in Warschau. Dementsprechend wurde auch vielfach verlautbart, dass dieser Sturm eine unmittelbare Folge des Klimawandels gewesen sei [16].

Quellennachweis:

[1] http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/ndr_aktuell/media/ndraktuell18225.html

[2] http://www.welt.de/vermischtes/article122616157/Xaver-zieht-weiter-in-Richtung-Ostsee.html

[3] http://www.tagesschau.de/ausland/philippinen442.html

[4] http://www.welt.de/vermischtes/article121685158/Die-Staerke-dieses-Taifuns-sprengt-alle-Kategorien.html

[5] http://www.focus.de/panorama/videos/haiyan-fegt-mit-400-km-h-monster-taifun-sucht-philippinen-heim_vid_42353.html

[6] http://www.rp-online.de/panorama/ausland/720000-philippinos-sind-auf-der-flucht-aid-1.3801499

[7] http://www.spiegel.de/panorama/taifun-haiyan-philippinen-befuerchten-zehntausende-tote-a-932748.html

[8] http://www.pagasa.dost.gov.ph/index.shtml

[9] http://en.wikipedia.org/wiki/Typhoon_Haiyan#Philippines_3

[10] http://www.mb.com.ph/dont-exaggerate-figures-of-casualties-aquino/

[11] http://de.wikipedia.org/wiki/Taifun_Haiyan

[12] http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/taifun-hinterlaesst-tod-und-truemmer-offenbar-10-000-tote-durch-haiyan-auf-den-philippinen/9053686.html

[13] http://www.tempo.com.ph/2013/11/saf-men-sent-to-tacloban-amid-reports-of-looting/#.UqdijW2aY5M

[14] http://en.wikipedia.org/wiki/Pacific_typhoon_climatology

[15] http://www.philstar.com/headlines/2013/11/19/1258482/1912-reports-tacloban-storm-killing-15000-resurface

[16] http://www.zeit.de/wissen/umwelt/2013-11/super-taifun-haiyan-klimawandel-extremwetter

 

 

 

 

 

Quellenachweis:

[1] http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/ndr_aktuell/media/ndraktuell18225.html

[2] http://www.welt.de/vermischtes/article122616157/Xaver-zieht-weiter-in-Richtung-Ostsee.html

 

 

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