EU will das Waffenrecht verschärfen (Teil III)

Wie nicht anders zu erwarten war, erfährt der Report der EU-Kommission [1] auch in den Medien viel Aufmerksamkeit [2 – 10]. Allerdings werden in diesen Medien einige der Fakten weitestgehend unreflektiert zitiert. Zunächst fällt auf, dass bis auf [10] in den Berichten die 1000 Toten im Vordergrund stehen, die jedes Jahr einem Tötungsdelikt mit Schusswaffen zum Opfer fallen. Diese Zahl ist selbstverständlich erschreckend hoch, jedoch muss diese Zahl im richtigen Kontext betrachtet werden. Zum einen verschweigt der Bericht, dass es sich bei den 1000 Toten nicht allein um Opfer von Legalwaffen handelt. Der Report der EU-Kommission differenziert nicht zwischen Opfern von legalen und illegalen Waffen. Es kann sicher davon ausgegangen werden, dass die überwältigende Mehrzahl der Opfer, ähnlich wie in Deutschland, mit illegalen Waffen getötet wurden. Weiterhin muss berücksichtigt werden, dass es sich hierbei um Opfer aus der gesamten EU handelt. Deshalb habe ich in der nachfolgenden Tabelle die Zahlen der bei Verbrechen Getöteten und die Zahlen der durch Selbstmord ums Leben gekommenen auf die Einwohnerzahlen umgerechnet.

Tabelle_Waffendichte_Morde_Selbstmore_EUDie EU zählt rund 505 Millionen Bürger. Wie aus der Tabelle zu entnehmen ist werden jährlich rund 5700 Menschen durch Gewaltverbrechen getötet. Der Anteil der durch Schusswaffen Getöteten beträgt tatsächlich 1000 Menschen. Oder anders ausgedrückt:

Die Wahrscheinlichkeit in Europa durch ein Gewaltverbrechen ums Leben zu kommen beträgt ca. 88.000 zu 1. Die Wahrscheinlichkeit bei einem Verbrechen durch eine Schusswaffe getötet zu werden beträgt rund 500.000 zu 1. In dieser Relation betrachtet verliert die Zahl von 1000 Toten einiges von ihrem Schrecken.

Weiter wird in den Artikeln auf die Aussage im Report hingewiesen, dass „es in der EU schätzungsweise 80 Millionen Schusswaffen für den zivilen Gebrauch [gibt], die sich in rechtmäßigem Besitz befinden“ (z.B. [2]) . Wie ich bereits in einem vorigen Artikel [11] nachgewiesen habe handelt es sich hier um eine Zahl, die entweder irrtümlich oder vielleicht auch absichtlich falsch dargestellt wurde. Bei den 80 Millionen Waffen handelt es sich keineswegs ausschließlich um behördlich registrierte und damit legale Waffen. Vielmehr sind in dieser Zahl auch die nicht registrierte und damit illegale Schusswaffen enthalten. Zum Vergleich: In Deutschland befinden sich nach aktuellem Kenntnisstand rund 5,4 Millionen registrierte Schusswaffen legal in privatem Besitz [12]. Der Bestand an illegalen Schusswaffen wird hingegen auf ca. 20 Millionen Schusswaffen geschätzt.

In den Artikeln werden auch einige Zahlen über die Waffendichte in einigen Ländern der EU angegegeben. Z.B. in [2]: „Am meisten Schusswaffen soll es nach offiziellen Angaben in Finnland (pro 100 Einwohner 43,3 Schusswaffen) geben. Dahinter liegen Zypern (36,4), Schweden (31,6), Frankreich (31,2) und Deutschland (30,3). Am wenigsten Schusswaffen gibt es demnach in Litauen mit 0,7 Schusswaffen pro 100 Einwohner, Rumänien (0,7) und den Niederlanden (3,9)“. In einem vorherigen Artikel [11] hatte ich bereits nachgewiesen, dass der EU Kommission bezüglich der Waffendichte in Österreich ein weiterer Fehler unterlaufen ist. Denn Österreich belegt mit einer Waffendichte von 30,4 noch einen Platz vor Deutschland. Doch was genau sagen diese Zahlen über die Waffendichten aus? Unterschwellig wird dem unbedarften Leser mit diesen Zahlen suggeriert, dass man sich in einem Land mit niedriger Waffendichte sicherer fühlen kann als in einem Land mit einer hohen Waffendichte. Um diesen vermeintlichen Zusammenhang zu verifizieren habe ich im folgenden Diagramm die relative Anzahl (bezogen auf 100.000 Einwohner) der Morde den Waffendichten (Waffen pro 100 Einwohner) in den EU-Ländern gegenüber gestellt.

Waffendichte vs. Morde (alle Tatwerkzeuge) in der EU.

Waffendichte vs. Morde (alle Tatwerkzeuge) in der EU.

Aus diesem Diagramm ist ersichtlich, dass ausgerechnet in Litauen (LT), dem Land mit der geringsten Waffendichte, die meisten Morde begangen werden. Andererseits werden in Deutschland (DE), Österreich (AT), Frankreich (FR), Schweden (SE) und Zypern (CY), Länder mit hohen Waffendichten, vergleichsweise wenige Tötungsdelikte registriert. Daraus den Schluß zu ziehen, dass mehr Waffen auch mehr Sicherheit bedeuten wäre jedoch genauso falsch. Es gibt einfach keinen Zusammenhang. Wenn Menschen entschlossen sind zu morden, spielt das Tatwerkzeug nur eine untergeordnete Rolle. Es werden die Tatwerkzeuge verwendet die gerade verfügbar sind. Der Entschluss führt zum Mord, nicht das Tatwerkzeug. Im Report der EU-Kommission wurde auch auf die hohe Anzahl an Selbstmorden mit Schusswaffen hingewiesen. Tatsächlich begehen jährlich 63.000 Bürger in der EU Selbstmord. Allerdings begeht nur jeder 13. Selbstmörder mit der Schusswaffe den Selbstmord. Um einen möglichen Zusammenhang zwischen Schusswaffenbesitz und Selbstmorden zu verifizieren habe ich im nächsten Diagramm die Waffendichte der Selbstmordrate in den jeweiligen EU-Staaten gegenübergestellt.

Waffendichte vs. Suizide (alle Methoden) in der EU

Waffendichte vs. Suizide (alle Methoden) in der EU

Auch aus diesem Diagramm wird deutlich, dass es keinen systematischen Zusammenhang gibt. Wenn ein Mensch zum Selbstmord entschlossen ist, spielt das Mittel hierfür ebenfalls nur noch eine untergeordnete Rolle. Die spezifische Lebenssituation und die persönlichen Befindlichkeiten verleiten Menschen dazu ihrem Leben ein Ende zu setzen, nicht der Waffenbesitz.

Fazit:

Wenn es der EU tatsächlich darum geht Leben zu retten und Menschen vor einem verfrühten Tod zu bewahren wäre es aus meiner Sicht logischer sich über die hohe Zahl an Suiziden Gedanken zu machen. Hier besteht die Möglichkeit jedes Jahr viele tausend, wenn nicht gar zehntausend Menschen zu retten. Dafür bedarf es vermutlich noch nicht mal viel Mühe und Resourcen. Häufig würde genügen den Menschen einfach mal zu zu hören und ihnen zu verstehen zu geben, dass sie mit ihren Sorgen und Nöten nicht allein gelassen werden. Aber natürlich ist es noch viel einfacher wieder einmal das Waffenrecht zu verschärfen. Wie gut das tatsächlich wirkt zeigt uns allen das Beispiel England.

Quellennachweis:

[1] European Commission: „COMMUNICATION FROM THE COMMISSION TO THE COUNCIL AND THE EUROPEAN PARLIAMENT – Firearms and the internal security of the EU: protecting citizens and disrupting illegal trafficking“ in http://ec.europa.eu/dgs/home-affairs/what-we-do/policies/organized-crime-and-human-trafficking/trafficking-in-firearms/docs/1_en_act_part1_v12.pdf, Stand: 21.10.2013

[2] NWZ Online: „1000 Tote pro Jahr: EU will Waffenrecht verschärfen“ in: http://www.nwzonline.de/politik/1000-tote-pro-jahr-eu-will-waffenrecht-verschaerfen_a_9,4,499891591.html; Stand: 20.10.2013

 [3] shz.de: „EU – 1000 Tote pro Jahr: EU will Waffenrecht verschärfen“ in: http://www.shz.de/nachrichten/deutschland-welt/politik/1000-tote-pro-jahr-eu-will-waffenrecht-verschaerfen-id3860766.html; Stand: 20.10.2013

[4] Kurier: „EU will Waffenrecht verschärfen“ in: http://kurier.at/politik/eu/eu-will-waffenrecht-verschaerfen/31.883.702; Stand: 21.10.2013

[5] taz.de: „Die EU will das Waffenrecht verschärfen – Fingerabdrucksensor für Schusswaffen“ in: http://www.taz.de/Die-EU-will-das-Waffenrecht-verschaerfen/!125903/; Stand: 20.10.2013

[6] stern.de: „1000 Tote pro Jahr: EU will Waffenrecht verschärfen“ in: http://www.stern.de/politik/ausland/1000-tote-pro-jahr-eu-will-waffenrecht-verschaerfen-2065830.html; Stand: 20.10.2013

[7] focus.de: „EU1000 Tote pro Jahr: EU will Waffenrecht verschärfen“ in: http://www.focus.de/politik/ausland/eu-1000-tote-pro-jahr-eu-will-waffenrecht-verschaerfen_aid_1134768.html; Stand: 20.10.2013

[8] t-online.de: „EU – 1000 Tote pro Jahr: EU will Waffenrecht verschärfen“ in: http://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/id_66086096/eu-will-waffenrecht-verschaerfen-1000-tote-pro-jahr.html; Stand: 21.10.2013

[9] derStandard.at: „EU will Waffenrecht verschärfen“ in: http://derstandard.at/1381369199397/EU-will-Waffenrecht-verschaerfen; Stand: 20.10.2013

[10] SpOn: „ Vorstoß aus Brüssel: EU-Kommission will Waffenrecht verschärfen“ in: http://www.spiegel.de/politik/ausland/vorstoss-aus-bruessel-eu-kommission-will-waffenrecht-verschaerfen-a-929075.html; Stand: 21.10.2013

[11] volkert: „EU will das Waffenrecht verschärfen (Teil I)“ http://volkert.caliber-corner.de/2013/10/21/eu-will-das-waffenrecht-verschaerfen-teil-i/; Stand: 21.10.2013

[12] SpOn: „5,4 Millionen registrierte Waffen in Deutschland – die meisten in Bayern und NRW“ in: http://www.spiegel.de/spiegel/vorab/waffenregister-5-4-millionen-registrierte-waffen-in-deutschland-a-883816.html; Stand: 17.02.2013

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