Das Nationale Waffenregister

Anlässlich einer öffentlichen Veranstaltung zum Waffenrecht wurde mir bewusst, dass sehr viele Besitzer von Schusswaffen nur lückenhaftes Wissen über das in Deutschland seit dem 01. Januar in Betrieb genommene Nationale Waffenregister besitzen. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen nachfolgend die mir vorliegenden Informationen an dieser Stelle niederzuschreiben. IT-GeräteUN-Feuerwaffenprotokoll und EU-Richtlinie Im Jahr 2001 wurde von der UN-Generalversammlung ein Übereinkommen gegen die grenzüberschreitende organisierte Kriminalität angenommen [1]. Der Sinn dieses Abkommens ist die Bekämpfung der organisierten Kriminalität in einem völkerrechtlich verbindlichen Vertrag zu regeln. Inhalt dieses Übereinkommens ist unter Anderem auch das sogenannte Feuerwaffenprotokoll [2], in welchem die Unterzeichnerstaaten sich zu Maßnahmen gegen die unerlaubte Herstellung von Schusswaffen und Munition sowie den unerlaubten Handel verpflichtet haben. Im Rahmen der Harmonisierung der Gesetze und Verwaltungsvorschriften in der Europäischen Union wurde die Umsetzung des UN-Feuerwaffenprotokolls vom Europäischen Rat die EU-Waffenrichtlinie 91/477/EWG beschlossen [3]. Damit werden die Mitgliedsstaaten der EU verpflichtet bis zum 31.12.2014 ein computergestütztes zentral oder dezentral organisiertes Waffenregister einzurichten. Politische Situation in Deutschland Die EU-Richtlinie wurde von Deutschland ebenso wie von allen anderen Mitgliedsstaaten ratifiziert. Damit ist Deutschland verpflichtet diese Richtlinie umzusetzen. Überraschenderweise wurde diese Richtlinie vom Innenministerium deutlich vorfristig umgesetzt worden. In der öffentlichen Diskussion wurde von politischen Kreisen immer wieder betont wie wichtig es sei diese Richtlinie umzusetzen, da im Falle der Nichterfüllung die EU eine Klage anstrengen und die Bundesrepublik zu Strafzahlungen verpflichtet wäre. Scheinbar gilt die Sorge um eine EU-Klage nicht für alle EU-Richtlinien gleichermaßen, denn bislang wurden einige EU-Richtlinien nicht oder nicht vollständig umgesetzt. Z.B. die EU-Dienstleistungsrichtlinie (2006/23/EU), EU-Richtlinie zur Bekämpfung von Zahlungsverzug (2011/7/EU), EU-Vorschriften zur Geschlechtergleichstellung und die EU-Vorschrift zum Menschenhandel (2011/36/EU). Pikanterweise enthält das UN-Übereinkommen gegen die grenzüberschreitende organisierte Kriminalität das Protokoll zur Verhütung, Bekämpfung und Bestrafung des Menschenhandels, insbesondere des Frauen- und Kinderhandels. Damit verstößt Deutschland auch klar gegen das ratifizierte Übereinkommen mit der UN. Es ist mir unverständlich weshalb Deutschland die Maßnahme zur Waffenkontrolle geradezu übereilt umsetzt, die Umsetzung der Maßnahmen gegen den Menschenhandel hingegen aussitzt. Deutschland hat übrigens auch die UN-Konvention gegen Korruption (UNCAC) im Gegensatz zu 147 Ländern sowie der Europäische Union bis heute nicht ratifiziert [4]. Planungen und Umsetzung in Deutschland In Deutschland gibt es mehr als 500 Waffenbehörden, die bis Ende vergangenen Jahres allein für die Registrierung von erlaubnispflichtigen Schusswaffen sowie die Verwaltung der Waffenakten zuständig waren. Die Waffenbehörden sind lokal, häufig nach Regierungsbezirken, Landkreisen und Städten bzw. Stadtbezirken aufgestellt. Häufig sind die Waffenbehörden den Einwohnermeldebehörden, den Bürgerämtern oder der Ortspolizei unterstellt. Die zuständigen Mitarbeiter verfügen nicht in jedem Fall über waffentechnisches Fachwissen. Dies konnte in den vergangenen Jahren dazu führen, dass in einer Waffenbehörde die Genehmigung zum Erwerb einer bestimmten Waffe abgelehnt wurde, wohingegen eine andere Waffenbehörde die Genehmigung erteilte. Auch wurden u.a. auf Grund fehlender einheitlicher Vorgaben und Kataloge zur Erfassung der waffenrechtlichen und waffentechnischen Daten bei den Eintragungen in Waffenakten und Waffendokumenten häufig Fehler gemacht, die sich nun rächen - hierzu komme ich später noch. Es darf angenommen werden, dass mittlerweile alle Waffenbehörden in ihrer Arbeit durch Computer unterstützt wurden. Damit liegen dies Daten über Waffen und Waffenbesitzer bereits in entsprechenden Datenbanken vor. Dennoch wurde schon früh erkannt, dass die Arbeit der Waffenbehörden durch modernere und effizientere Verwaltungsprogramme verbessert und effizienter gestaltet werden kann. So wurde z.B. bereits in 2003 in Hamburg die Waffennachweisdatei (WANDA) entwickelt und in 2009 in Betrieb genommen [5]. In Hamburg waren die Daten auf 19 Ämter und Behörden verteilt. In dieser Datei sind neben Waffen und Waffenbesitzern auch persönliche Waffenverbote registriert. Nach Angaben der Hamburger Innenbehörde hat die Entwicklung und Einrichtung dieser Waffendatei rund 850.000 Euro gekostet. Obwohl es in Hamburg bereits eine funktionierende computergestützte Waffendatei gab, beschloss das Bundesverwaltungsamt unter Federführung des BMI und des Innenministeriums Baden-Württemberg eine Neuentwicklung. In einer Broschüre des Bundesverwaltungsamtes [6] die sich an die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der örtlichen Waffenbehörden richtet wird ein Überblick über das NWR gegeben, die Ziele erläutert und der Handlungsbedarf für die einzelnen Ortsbehörden verdeutlicht. Die Innenministerkonferenz hatte erst in ihrer 190. und 191. Sitzung in 2010 in Hamburg die strategischen Eckpunkten sowie die Vorgehensweise zur stufenweisen Errichtung des NWR und den Eckpunkten zum Fachkonzept zugestimmt. Damit können nach meinem Verständnis frühestens zu diesem Zeitpunkt konkrete Schritte zur Erstellung der Software und Beschaffung der IT-Komponenten eingeleitet werden. Im Hinblick auf das Einführungsdatum zum 01.01.2013 und den Umfang des Vorhabens ist das eine ausgesprochen sportlicher Projektplanung. Die Kosten für die konzeptionelle Phase des Gesamtvorhabens NWR (2009 bis 2011) wurden seitens des Bundes aus dem IT-Investitionsprogramm sowie aus den von Deutschland-Online anteilig zugewiesenen Projektmitteln gedeckt. Im Zeitraum von 05/2009 bis 04/2011 wurden die durch die Mitarbeiter Bund-Länder-Arbeitsgruppe erbrachten Aufwände auf über 2.600 Projekttage beziffert. Diese Aufwände entsprechen einem finanziellen Marktwert externer Beratung von über 2,6 Mio. €, die gemäß [7] „so eingespart werden konnten“. Das diese Kosten tatsächlich eingespart wurden darf bezweifelt werden. Schließlich wurden die Mitarbeiter der Bund-Länder-Arbeitsgruppe weiterhin bezahlt und deren eigentliche Arbeit musste von anderen erledigt oder aufgeschoben werden. Üblicherweise werden für solche Projekte externe Fachkräfte für den Projektzeitraum angeheuert, deren Tagessätze belaufen sich auf ca. 1.000 €, so berechnen sich die geschätzten Kosten von 2,6 Mio. €. Was in dieser Kostenschätzung fehlt mindestens die Implementationskosten, Beschaffung zusätzlicher IT-Komponenten, die Kosten für die erforderlichen Audits nach ISO 9001 und ISO27001, die Kosten für Schulungen der Mitarbeiter der örtlichen Waffenbehörden. In [8] wird darauf hingewiesen, dass „im Software-Bereich der umstellungsbedingte Aufwand mit bis zu 5.000 Euro“ pro Waffenbehörde betragen wird. Das macht bei mehr als 500 Waffenbehörden weitere 2,5 Mio. €. Datenumfang Im Zentralen Waffenregister werden die relevanten Daten der lokalen Waffenbehörden redundant vorgehalten [9]. Dies bedeutet, dass die Daten sowohl zentral im NWR als auch lokal bei den jeweils zuständigen Waffenbehörden gespeichert sind. In der ersten Stufe (NWR I) sollen nur die Daten erfasst werden, die „den erlaubnispflichtigen Umgang mit Waffen und Munition“ betreffen. Dies sind im Einzelnen:
  • Daten der zuständigen Waffenbehörden
  • Daten zur Person und juristische Person sowie Personenvereinigungen
  • Daten zur Erlaubnis (Erlaubnistyp)
  • Daten zur Waffe
Welche Daten in weiteren Stufen zusätzlich erfasst werden lässt sich aus der Broschüre [9] nicht entnehmen. Jedoch wird bereits aus der knappen Zusammenfassung deutlich, dass hier neben Sozialdaten auch Daten über den jeweiligen Waffenbesitz gespeichert werden. Damit müssen diese Daten was die Grundwerte Vertraulichkeit und Integrität betrifft zwangsläufig den höchste Schutzbedarf gemäß Grundschutzbuch des Bundesamts für die Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) genießen. Darüber hinaus fallen die personenbezogenen Daten unter das Bundesdatenschutzgesetz (BDSG). Deshalb muss das NWR auch zwangsläufig regelmäßig auf Einhaltung der Regeln gemäß ISO 27001 auditiert werden. Die ISO 27001 „spezifiziert die Anforderungen für Herstellung, Einführung, Betrieb, Überwachung, Wartung und Verbesserung eines dokumentierten Informationssicherheits-Managementsystems unter Berücksichtigung der IT-Risiken innerhalb der gesamten Organisation“ [10]. Dadurch, dass die IT-Risiken der gesamten Organisation auditiert werden betrifft dies notwendigerweise alle Behörden und Institutionen, die Zugriff auf die Daten haben werden. Dies wären zunächst einmal der IT-Betrieb sowie die örtlichen Waffenbehörden. Wie ich jedoch im nächsten Abschnitt erläutern werde, sollen noch viel mehr Behörden Zugriff auf das NWR nehmen können. Hierbei muss berücksichtigt werden, dass mit der Vielzahl an Behörden und Personen, die Zugriff auf ein IT-System nehmen auch potentielle Sicherheitslücken zunehmen. Zugriffe auf das NWR Auf das NWR haben gemäß §10 NWRG die folgenden Behörden voraussichtlich umfassende Auskunftsrechte oder sogar direkten Zugriff erhalten:
  • Waffenbehörden (Vollzug WaffG)
  • Bundes- und Landespolizeibehörden (Polizeiliche Rechtshilfe)
  • Zollbehörden (Zollamtliche Überwachung)
  • Staatsanwaltschaften (Strafverfolgung)
  • Justizbehörden (Justizielle Rechtshilfe)
  • Bundesverfassungsschutz (§3 Abs. 1 Nr. 1, 2 und 3 BVerfSchG)
  • Landesverfassungsschutzbehörden (Aufgaben nach VerfSchG der Länder)
  • Militärischer Abschirmdienst (MADG)
  • Bundesnachrichtendienst (BNDG)
  • Außen, Wirtschafts-, Innenministerien (Vollzug KWKG)
  • Diplomatischer Dienst (Diplomatische Rechtshilfe)
Kataloge_des_NWRInsgesamt werden damit grob geschätzt ca. 350.000 Mitarbeiter der unterschiedlichen Behörden Zugriff auf die Daten des NWR haben. Wie bereits oben erwähnt wird mit jedem personalisiertem Zugriff auf eine Datei auch das Risiko potentieller Sicherheitslücken und sei es nur auf Grund fehlerhafter Bedienung zu. Damit unterliegen alle diese Behörden und deren für den Zugriff berechtigten Mitarbeiter der Überwachung im Rahmen eines Sicherheitsaudits nach ISO 27001. Den entsprechenden Aufwand in Euro kann ich leider nicht abschätzen. Jedoch werden hier ebenfalls beträchtliche Summen zusammen kommen. Medienecho zum NWR Die Frankfurter Rundschau schreibt im November 2012 [11], dass „nach einer erfolgreichen Probephase wird das nationale Waffenregister nach Angaben von Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) pünktlich zum Jahresbeginn seinen Betrieb aufnehmen [wird]. Das computergestützte Waffenregister werde „einen sehr konkreten Beitrag zur Verbesserung der öffentlichen Sicherheit leisten.“ Der Tagesspiegel berichtet ebenfalls im November 2012 [12] „Neues Kaliber - Nationales Waffenregister startet 2013. Eigentlich wären noch zwei Jahre Zeit. Denn eine EU-Richtlinie fordert ein zentrales Waffenregister erst ab 2015. Doch Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) braucht nach den vielen Pannenmeldungen der Sicherheitsbehörden in den vergangenen Monaten mal wieder eine positive Nachricht und die verkündete er am Montag [...]. In Deutschland werde das Nationale Waffenregister ab 1.Januar 2013 in Betrieb gehen“. In einer Pressemitteilung der Gewerkschaft der Polizei vom Dezember 2011 wurde „der Gesetzentwurf zur Einführung eines nationalen Waffenregisters“ begrüßt [13]. „Damit werde eine langjährige Forderung der [GdP] erfüllt. […] Es [sei] für die Polizei überlebenswichtig, bei einer Fahndung oder vor einem Einsatz schnell erfahren zu können, ob sie Personen antreffen, die über – zumindest legale – Waffen verfügen oder ob Waffen im Haus sind“.Auf der Website des BMI [14] wurde die Nachricht veröffentlicht, dasszum 1. Januar 2013 [...] ein Nationales Waffenregister eingerichtet. Hierdurch wurden wesentliche Informationen zu erlaubnispflichtigen Waffen in Deutschland [...] sowie Daten von Erwerbern, Besitzern und Überlassern dieser Schusswaffen erstmalig bundesweit elektronisch in einem Register erfasst. Hierdurch konnte ein Modernisierungsschub für die Waffenverwaltung und eine grundlegende Verbesserung der Nutzbarkeit vorhandener Informationen erreicht werden“. Doch schon bald veröffentlichte die GdP unter dem Titel „ Nationales Waffenregister (NWR) wird zum Schuss in den Ofen“ eine harsche Kritik über das Nationale Waffenregister [15]. Denn „die dort gespeicherten Daten haben teilweise mit der Wirklichkeit, sprich: dem tatsächlichen Waffenbesitz, wenig bis nichts zu tun. Das ist für die Polizei wie auch für die privaten Waffenbesitzer gleichermaßen ärgerlich bis peinlich“. Es ist genau das eingetreten was einige Experten schon länger befürchtet hatten, von den weit über 500 Waffenbehörden wurden Daten geliefert, die bereits mit zahlreichen Fehlern behaftet waren. Denn wie bereits im Abschnitt Planungen und Umsetzung in Deutschland beschrieben fehlte es den Waffenbehörden an einheitlichen Vorgaben und Katalogen über die zu Erfassung der waffenrechtlichen und waffentechnischen Daten sowie häufig an hinreichendem waffentechnischen Wissen bei den Sachbearbeitern. Damit hat die Waffenregistrierung seit 1973 unter teils abenteuerlichen Voraussetzungen stattgefunden. Der Primärschlüssel für eine eindeutige Zuordnung einer Waffe sind Hersteller, Waffentyp und -modell sowie die Seriennummer. Die Seriennummer allein ist nicht immer eindeutig, da je nach Hersteller ein und dieselbe Seriennummer verwendet werden konnte. Waffen die in Lizenz von verschiedenen Herstellern produziert wurden können unter Umständen ebenfalls identische Seriennummern besitzen. Damit waren schon die den Ortsbehörden vorliegenden Daten häufig schon fehlerhaft. „Dass aber noch bei der Herkulesaufgabe, alle Daten aus über 500 Waffenbehörden der Länder in das NWR in Köln zu übermitteln, zusätzliche Fehler gemacht wurden, hat das Chaos noch einmal vergrößert“. Diese zusätzlichen Fehler sind dem ungeheuren Zeitdruck geschuldet mit dem dieses Projekt vorangetrieben wurde aber auch auf Grund des Einsatzes ungeschulter Mitarbeiter aus anderen Verwaltungen für die Übertragung der Daten von den einzelnen Waffenbehörden in das NWR. Dieser furiose Fehlstart des NWR wird von der GdP den Politikern zugeschrieben, die „das Projekt auf den Knochen der Kolleginnen und Kollegen in den Waffenbehörden und des Bundesverwaltungsamtes durchgeboxt haben, ohne jegliche Rücksicht auf das Ergebnis“. Kritik am NWR Wie bereits im Abschnitt UN-Feuerwaffenprotokoll und EU-Richtlinie beschrieben fordert die EU-Waffenrichtlinie 91/477/EWG [3], auf welche sich die Politik und das Bundesverwaltungsamt berufen, bis zum 31.12.2014 die Einrichtung eines computergestütztes zentral oder dezentral organisiertes Waffenregister. Ich gehe hier davon aus, dass mittlerweile auch in der rückständigsten Ortsbehörde die Verwaltung und damit auch die Waffenverwaltung computergestützt funktioniert. Insofern wäre die Anforderung der EU-Richtlinie Einrichtung eines dezentral organisierten Waffenregisters bereits erfüllt gewesen. Damit stehen in Deutschland über 500 dezentrale Waffenregister zur Verfügung. Natürlich kann man hier auch Kosteneffizienz geltend machen und z.B. die Waffenregister auf Ebene von Regierungsbezirken oder auf Landesebene konsolidieren. In einem föderalen Staatswesen wie der BRD, welches die Durchführung des Waffengesetzes an die Länder delegiert wäre dies ein nachvollziehbarer Schritt gewesen. Meines Erachtens hat sich das BMI mit dem Projekt der Einrichtung eines zentralen nationalen Waffenregisters, dazu noch unter dem ungeheuren Zeitdruck sich selbst sowie die Mitarbeiter überfordert. Dabei hätte sich das BMI eventuell sogar die Erfahrungen aus Hamburg zu Nutze machen können. Immerhin hatte Hamburg bereits 2009 mit WANDA eine funktionierende Waffennachweisdatei eingeführt und damit die in der Hansestadt auf 19 Ämter und Behörden verteilten Daten von 24.800 Inhabern einer waffenrechtlichen Erlaubnis zentralisiert [5]. Dabei betrug die Projektlaufzeit von der Planung bis zur Implementation knapp 6 Jahre. Stattdessen versuchte das BMI offenbar das Rad neu zu erfinden und das NWR „From the Scratch“ neu zu entwickeln. Und das auch noch unter einem ungeheuren Zeitdruck von wenig mehr als zwei Jahren (Ende 2010 bis Ende 2012). Weshalb das BMI dieses Großprojekt unbedingt vorfristig vor Ende 2014 umsetzen wollte, darüber kann man nur spekulieren. Dabei wurde eine wesentliche Voraussetzung für das Gelingen dieses Projekt offenbar übersehen: die Datenqualität. Der erste Schritt in diesem Projekt hätte eine Evaluierung der bei den lokalen Waffenbehörden vorliegenden Datenbestände mit dem Ziel einer Vereinheitlichung der Datenbestände für die spätere Übernahme in die Zentraldatei sein müssen. Offenbar wurde dieser Schritt im Vertrauen auf eine hinreichende Datenqualität und -konsistenz nicht unternommen. Dies deutet darauf hin, dass dieses Projekt am Grünen Tisch ohne Einbeziehung ausgewiesener Waffenexperten geplant wurde. Zudem ist eine umfangreiche waffentechnische und waffenrechtlche Ausbildung der Mitarbeiter in den Waffenbehörden dringend erforderlich. Ein weiterer Kritikpunkt ergibt sich gegebenenfalls aus der Forderung des BDSG nach Datensparsamkeit. Allerdings gibt es hierzu eine Stellungnahme des Bundesdatenschutzbeauftragten [16]. Demnach hat dieser bereits im Gesetzgebungsverfahren zum NWR „datenschutzrechtliche Belange geltend gemacht, welche sowohl in sachlicher als auch in technischer Hinsicht Berücksichtigung gefunden haben.“ Was mich jedoch nach wie vor beunruhigt ist, welche Daten in weiteren Stufen der Einrichtung des NWR zusätzlich erfasst werden sollen (Siehe hierzu [9]). Wie im Abschnitt Zugriffe auf das NWR beschrieben werden gemäß §10 NWRG allen möglichen und unmöglichen Behörden und Ämter umfassende Auskunftsrechte eingeräumt. Sogar Ordnungsbehörden werden für Zwecke des Ordnungswidrigkeitenverfahrens auf die Daten zugreifen dürfen! Damit werden Unzahl Behördenmitarbeiter Zugriff auf die Daten des NWR haben.
Zugriffe auf das NWR gemäß $10NWRG

Zugriffe auf das NWR gemäß $10NWRG

Da die in der NWR erfassten Daten mindestens im Bezug auf Integrität und Vertraulichkeit höchsten Schutzbedarf dürfte das NWR einem Sicherheitsaudit nach ISO 27001 nicht genügen, da das Schutzziel Integrität der Daten durch die häufig fehlerhafte Erfassung durch die Waffenbehörden sowie zusätzlich eingebrachter Fehler bei der Übertragung in das Zentralregister das Schutzziel der Integrität nicht erfüllen. Ein entsprechendes Audit steht noch dieses Jahr an. Auf das Ergebnis dürfen wir gespannt sein. Das „Ziel den gesamten Lebenszyklus einer Waffe transparent und nachvollziehbar zu machen“ [12] dürfte mit dem NWR tatsächlich erreicht werden. Jedoch werden in der aktuellen ersten Stufe (NWR I) vorerst nur die privaten Waffenbesitzer registriert. Erst in der nächsten Phase sollen auch Hersteller, Händler und Importeure von Waffen hinzukommen. Dabei war es doch das erklärte Ziel des UN-Feuerwaffenprotokolls [2] die grenzüberschreitende Kriminalität mit der unerlaubte Herstellung von Schusswaffen und Munition sowie deren unerlaubten Handel unter Kontrolle zu bringen. Inwiefern hier die zentrale Registrierung der privaten Waffen eine Rolle spielt erschließt sich mir nicht. Hätte das BMI tatsächlich die Erfüllung der UN-Konvention gegen die grenzüberschreitende organisierte Kriminalität [1] in Bezug auf Herstellung und Handel mit Waffen im Sinn gehabt wäre doch gerade die Erfassung der Hersteller, Händler und Importeure von Waffen der erste logische Schritt gewesen. Aber es verhält sich hier so, dass in diesem Fall auch wieder politisch motivierter Aktionismus als Konsequenz aus dem Amoklauf in Winnenden der treibende Faktor war [12]. Das Ergebnis dieses Aktionismus ist nun ein Datenmoloch, auf den viele Behörden und Ämter Zugriff haben. Auch wenn, wie der Präsident des Bundeskriminalamtes sagte, nur autorisierten Personen über autorisierte Rechner Abfragen durchführen werden [12] stellt allein die schiere Vielfalt der Behörden und Ämter, die Abfragen durchführen dürfen ein extrem hohes Sicherheitsrisiko dar. Mit jedem einzelnen Zugang zu einem solchen IT-System steigt die Anzahl potentieller Sicherheitslücken technischer, organisatorischer und personeller Art. Die Palette der Bedrohungen reicht hier von fehlerhaft konfigurierten Computersystemen, mit Schadsoftware kompromittierten Systemen über fehlerhafter oder missbräuchlicher Nutzung des NWR bis hin zum Datendiebstahl. Sollten eines Tages Kriminelle Zugriff auf die Daten erhalten, so werden diese ausführlichste Informationen über den Waffenbesitz (Namen, Adressen, Waffenbesitz, etc.) erhalten. Damit würden regelrechte „Einkaufslisten“ für den gezielten Diebstahl ermöglicht. Wer kann tatsächlich garantieren, dass diese Daten nie missbräuchlich verwendet oder gar in die falschen Hände gelangen werden? Schließlich werden heutzutage auf dem Schwarzmarkt auch CDs mit Steuerdaten gehandelt.Aber auch fehlerhafte Daten können, wie die GdP berichtete, zu erheblichen Problemen und viel Ärger für die Betroffenen führen wenn unbescholtene Bürger dadurch in den Fokus polizeilicher Ermittlungen geraten. Quellennachweis: [1] Auswärtiges Amt BRD: „Die VN-Konvention gegen die grenzüberschreitende organisierte Kriminalität, einschließlich ihrer Zusatzprotokolle“ in http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Friedenspolitik/VereinteNationen/Schwerpunkte/OKriminalitaet_node.html; Stand: 08.08.2008 [2] United Nations: „Zusatzprotokoll gegen die unerlaubte Herstellung von Schusswaffen, dazu gehörigen Teilen und Komponenten und Munition und gegen den unerlaubten Handel damit zum Übereinkommen der Vereinten Nationen gegen die grenzüberschreitende organisierte Kriminalität“ in http://www.admin.ch/ch/d/gg/pc/documents/1790/UNO_Feuerwaffenprotokoll.pdf; Stand: 2001 [3] Richtlinien Europäische Union: „Richtlinie 2008/51/EG des europäischen Parlaments und des Rates“ in http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=OJ:L:2008:179:0005:0011:de:PDF; Stand 2008 [4] Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung: „Internationale Initiativen zur Korruptionsbekämpfung“ in http://www.bmz.de/de/was_wir_machen/themen/goodgovernance/korruption/internatinitiativen/index.html; Stand: 06.10.2013 [5] n-tv: „Waffenzentralregister in HamburgWANDA startet“ http://www.n-tv.de/politik/WANDA-startet-article64921.html; Stand: 01.04.2009 [6] Bundesverwaltungsamt: „Das Nationale Waffenregister – Eine Handreichung für Waffenbehörden“ Version 1.4 in http://www.bva.bund.de/cln_321/nn_2252700/DE/Aufgaben/Abt__III/NWR/Waffenbehoerden/Handreichung__fuer___20Waffenbehoerden,templateId=raw,property=publicationFile.pdf/Handreichung_fuer_%20Waffenbehoerden.pdf; Stand: 09.11.2011 [7] Bundesministerium des Innern: „3. Sachstandbericht - Nationales Waffenregister an die Ständige Konferenz der Innenminister und –senatoren der Länder – IMK“ in http://www.bundesrat.de/DE/gremien-konf/fachministerkonf/imk/Sitzungen/11-06-22/anlage10,templateId=raw,property=publicationFile.pdf/anlage10.pdf; Stand: Version 2.0 vom 07.03.2011 [8] Ulrich Mohn, Recht und Verfassung: „Bundesvereinigung zur Durchführungsverordnung des Gesetzes zur Errichtung eines nationalen Waffenregisters“; in http://www.dsb.de/media/PDF/Recht/Waffenrecht/Aktuelles/4_DStGB.pdf; Stand: 30.01.2012 [9] BMI und Innenministerium Baden-Württemberg: „Das Nationale Waffenregister – Verfahren – Eckwerte – Leitlinien 1“ in: http://www.bva.bund.de/cln_236/DE/Aufgaben/Abt__III/NWR/Publikationen/NWR__Flyer1,templateId=raw,property=publicationFile.pdf/NWR_Flyer1.pdf; Stand März 2013 [10] Wikipedia: „ISO/IEC 27001“ in: http://de.wikipedia.org/wiki/ISO/IEC_27001; Stand: 01.10.2013 [11] Frankfurter Rundschau (afp): „Nationales Waffenregister - Waffenregister geht pünktlich in Betrieb“ in: http://www.fr-online.de/politik/nationales-waffenregister-waffenregister-geht-puenktlich-in-betrieb,1472596,20908404.html Stand: 19.11.2012 [12] Christian Tretbar, Tagesspiegel „Neues Kaliber - Nationales Waffenregister startet 2013.“ in: http://www.tagesspiegel.de/politik/neues-kaliber-nationales-waffenregister-startet-2013/7410928.html; Stand: 20.11.2012 [13] Pressemitteilung der GdP: „GdP begrüßt zentrales Waffenregister“ in: http://www.gdp.de/gdp/gdpber.nsf/ID/622FDEC624324DC3C125796000369B19?Open; Stand: 08.12.2011 [14] BMI: „Das Vorhaben „Nationales Waffenregister“ in: http://www.bmi.bund.de/DE/Themen/Sicherheit/Waffenrecht/Nationales-Waffenregister/nationales-waffenregister.html; Stand: Januar 2013 [15] Wolfgang Dicke: „Nationales Waffenregister (NWR) wird zum „Schuss in den Ofen“ in Deutsche Polizei - Zeitschrift der Gewerkschaft der Polizei, September 2013; http://www.gdp.de/gdp/gdp.nsf/id/dp201309/$file/DP_2013_09.pdf [16] Der Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit: „24. Tätigkeitsbericht - Tätigkeitsbericht zum Datenschutz für die Jahre 2011 und 2012“ in: http://www.bfdi.bund.de/SharedDocs/Publikationen/Taetigkeitsberichte/TB_BfDI/24TB_2011_2012.pdf?__blob=publicationFile; Stand 24.04.2013
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