Weniger Waffen – weniger Selbstmorde

In der Diskussion wird von den Gegnern des privaten Waffenbesitzes häufig auch das Argument vorgetragen, dass auch die Gefahr einer Häufung von Selbstmorden durch den unmittelbaren Zugriff auf Schusswaffen besteht. Die einfache Formel lautet deshalb: „Ohne Waffen weniger Suizide“ [1]. Demnach ließen sich viele Suizide verhindern, wenn der Zugang zu Waffen eingeschränkt wäre. Noch vor Kurzem wurde diese Hypothese in der Schweiz im Rahmen einer Initiative zur Abgabe der persönlichen Militärwaffen (Waffen ins Zeughaus) verbreitet [2, 3]. In einer Studie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich wurde nachgewiesen, dass sich in Kantonen, in denen besonders viele Schusswaffen in privaten Haushalten vorhanden sind auch „ überdurchschnittlich viele Menschen mit einer Schusswaffe umbringen“. Solche, auf dem ersten Blick eingängige Formulierungen werden natürlich auch in der deutschen Waffenrechtsdiskussion aufgenommen und auf die Formel „Weniger Schusswaffen – weniger Selbstmorde“ reduziert [5]. Dabei wird häufig auch auf Studien verwiesen, die belegen würden, dass sich in Haushalten mit Feuerwaffen doppelt so viele Menschen das Leben nehmen wie in Haushalten ohne Feuerwaffen. Daraus wird gefolgert, dass „weniger Menschen […] von eigener Hand sterben [werden ], wenn sie zu Hause keine Schusswaffen haben. Hierbei wird jedoch wie so häufig Korrelationen festgestellt ohne die Kausalität genauer zu untersuchen. Sprich als Ursache für Selbstmorde wird die Verfügbarkeit von Schusswaffen angenommen, ohne jedoch die Gründe für die Selbstmorde zu untersuchen. Speziell im Artikel der Süddeutschen [5] werden obendrein noch die Untersuchungen zu den Selbstmorden mit denen über Mord- und Totschlag vermengt. Zitat: „Bereits vor einigen Jahren hatte Miller [...] eine ähnliche Studie veröffentlicht, für die sie allerdings Zahlen aus mehr als 20 Industrienationen verglichen hatten. Das Ergebnis der internationalen Studie [...]: Wo mehr Schusswaffen – da mehr Mord- und Totschlagsopfer“. Ob hier ein Fall von Medienmanipulation oder einfach nur schlampiger Journalismus vorliegt sei dahingestellt. Eine ähnliche Studie wurde z.B. in Österreich im Rahmen einer Reform der Waffengesetzgebung in der EU veröffentlicht [6]. In dieser Studie wurden ebenfalls statistische Auswertungen von Suiziden und Morden in Österreich durchgeführt und eine starke Korrelation mit dem Schusswaffenbesitz festgestellt. Die beobachtete Korrelation stammt aus simplen Anwendung statistischer Methoden. Auch in dieser Studie wurden kausale Zusammenhänge nicht ernsthaft hinterfragt. Vom gleichen Autor gibt es auch eine weitere Studie zum Suizidverhalten [7]. Hier wurde jedoch eine Korrelation der Selbstmordhäufigkeit mit dem Lithiumgehalt im Trinkwasser festgestellt. Demnach führt ein geringer Lithiumgehalt zu mehr Selbstmorden. Schaedel Wenn diesen Studien und der Korrelation von Schusswaffenbesitz und Selbstmordrate glauben geschenkt werden darf muss man zwingend davon ausgehen können, dass in Ländern mit geringer Waffendichte weniger Menschen Selbstmord begehen und in Ländern mit einem hohen Anteil von Schusswaffen im Privatbesitz besonders viele Menschen Selbstmorde begehen. Um diese Hypothese zu überprüfen genügt es die veröffentlichten Daten über Selbstmorde und Waffendichte verschiedener Länder miteinander zu vergleichen. Eine entsprechende kurze Zusammenstellung ist in der nachfolgenden Tabelle dokumentiert. In dieser Tabelle wurden zunächst die 10 Länder mit der höchsten Selbstmordrate (Anzahl Selbstmorde bezogen auf 100.000 Einwohner) [8] und der jeweilige private Waffenbesitz (Anzahl bezogen auf 100 Einwohner) [9] eingetragen. Zusätzlich wurden zum Vergleich noch die entsprechenden Daten für Österreich, USA, Schweiz und Deutschland eingetragen. Für Grönland gibt es zwar statistische Daten über die Selbstmordrate, jedoch keine Angaben zum Waffenbesitz. Es zeigt sich jedoch, dass die Selbstmordrate in Ländern mit einer ausgesprochen geringen Waffendichte am höchsten ist. Das Beispiel der USA mit der weltweit höchsten Waffendichte von 101 Schusswaffen pro 100 Einwohner liegt bezüglich der Selbstmordrate sogar noch hinter Österreich mit einer Waffendichte von 30,4 Schusswaffen pro 100 Einwohner. Selbstmordrate vs. Waffendichte verschiedener Länder Diese Tabelle zeigt, dass es keinen kausalen Zusammenhang zwischen Waffenbesitz und Selbstmordrate geben kann. Dieser Befund schließt die Möglichkeit nicht aus, dass in Ländern mit hoher Waffendichte bei Selbstmorden auch häufiger zur Schusswaffe gegriffen wird. Jedoch zeigt diese tabellarische Aufstellung deutlich, dass suizidgefährdeten Personen auch andere Wege finden ihrem Leben ein Ende zu setzen. In einigen Studien wird auch auf die Möglichkeit hingewiesen, dass Taten im Affekt bei Vorhandensein einer Schusswaffe wahrscheinlicher wären. Jedoch kann angenommen werden, dass Suizide eher selten spontan im Affekt begangen werden, sondern der Selbstmörder zuvor einen langen Prozess durchläuft bis er tatsächlich verzweifelt genug und bereit ist seinem Leben ein Ende zu setzen. In der Regel sind suizidgefährdete Personen klinisch depressiv. Wenn man also ernsthaft die Selbstmordrate senken will, wäre die wirksamste Maßnahme zur Suizidprävention kein noch so strenges Waffenverbot, sondern eine entsprechende Ausbildung der Hausärzte. Damit könnten sogar die Suizidgefährdeten erreicht werden, die keine Schusswaffe besitzen. Quellennachweis: [1] Muriel Gnehm: „Ohne Waffen weniger Suizide“ in http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Ohne-Waffen-weniger-Suizide/11733701/print.html?comments=1; Stand 14.12.2010 [2]Blick.ch: „Weniger Selbstmorde durch weniger Schusswaffen“ http://www.blick.ch/news/schweiz/weniger-selbstmorde-dank-praevention-id69459.html; 14.01.2012 [3] Alec v. Graffenried: „Sicherheit schaffen – dank weniger Waffen“ in http://www.avg.ch/2011/01/30/sicherheit-schaffen-dank-weniger-waffen/; Stand 30.1.2011 [4] Florian Frey: „Waffenbesitz begünstigt laut Studie Selbstmord“ in http://www.tagesschau.sf.tv/Nachrichten/Archiv/2010/08/03/Schweiz/Waffenbesitz-beguenstigt-laut-Studie-Selbstmord; Stand 03.08.2010 [5] Markus C. Schulte von Drach: „Mehr Schusswaffen, mehr Opfer “ in http://www.sueddeutsche.de/wissen/privater-waffenbesitz-mehr-schusswaffen-mehr-opfer-1.833490; Stand 17.05.2010 [6] Nestor D. Kapusta: „Firearm legislation reform in the European Union: impact on firearm availability, firearm suicide and homicide rates in Austria“; in http://bjp.rcpsych.org/content/191/3/253.short Stand 2007 [7] Kapusta N.D.: „Lithium in drinking water and suicide mortality“ in http://www.medscape.com/viewarticle/742589; Stand 2011 [8] Wikipedia „List of countries by suicide rate“ in http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_countries_by_suicide_rate; Stand 07.08.2013 [9] GunPolicy.org; http://www.gunpolicy.org/; Stand 07.08.2013
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