Japan: Keine Waffen, keine Amokläufe, keine Schulmassaker 6

In diversen Medien wird nach einem Amoklauf oder Schulmassaker immer wieder der Vergleich mit Japan gezogen. Japan hat eines der strengsten Waffengesetze der Welt. Privatpersonen ist bis auf wenige Ausnahmen der Besitz von Schusswaffen untersagt. Und deshalb, so wird betont, gibt es in diesem Land ganz einfach keine Amokläufe und Schulmassaker [1], [2]. Auch Roman Grafe weist darauf hin, dass "[im Vergleich zu Japan] das Risiko, in Deutschland durch eine Schußwaffe getötet zu werden, [...] rund zwanzig Mal höher als in Japan [ist]" [3]. Das ist nach Ansicht von Herrn Grafe natürlich der Nichtverfügbarkeit von Schusswaffen geschuldet. SUSHIMESSER Was ist dran an der Aussage dass es in Japan keine Amokläufe und schon gar keine Schulmassaker gibt? Kurz gesagt: Hier handelt es sich um einen Mythos. Auch in Japan gab es schon Massenmorde, Amokläufe und mindestens ein Schulmassaker. Am 9. Juni 2001 tötete ein geistesgestörter Mann, der eine Überdosis Psychopharmaka eingenommen hatte in einer Grundschule in Osaka acht Schüler und verletzte 15 weitere Schüler und Lehrer [4]. Auch anderweitig kam es in Japan bereits zu sogenannten Amokläufen mit zahlreichen Toten und Verletzten [4,5,6,7]. Tatsache ist, in Japan gibt es Amokläufe, aufgrund der extrem strengen Waffengesetze in Japan werden dort eben keine Schusswaffen als Tatmittel eingesetzt. In Japan greifen Amokläufer eben auf Messer zurück und richten damit ähnlich viel Unglück an wie andere Amoktäter mit Schusswaffen. Was ist dran an der Aussage dass das Risiko in Deutschland durch eine Schusswaffe getötet zu werden rund zwanzigmal Japa höher ist als in Japan [3]? Diese Aussage ist in sofern korrekt, als dass das besagte Risiko in Deutschland tatsächlich ehreblich höher ist. Dabei bedient sich der Autor der Fallzahlen aus [8], wonach 2008 in Deutschland tatsächlich 171 Menschen und in Japan 11 Menschen durch Schusswaffen getötet wurden. Damit besteht in Deutschland in Bezug auf die Einwohnerzahl tatsächlich ein 23-mal höheres Risiko durch eine Schusswaffe ums Leben zu kommen. Dabei vergisst der Autor nur zu erwähnen, dass diese Menschen vorwiegend durch illegale Schusswaffen getötet werden. Immerhin erkennt der Autor an, dass auch in Japan tödliche Gewaltdelikte relativ häufig vorkommen. So gibt der Autor im Vergleich mit Japan ein doppelt so hohes Risiko an in Deutschland Opfer tödlicher Gewalt zu werden. Dabei bezieht sich der Autor auf die Fallzahlen aus [8] für 2009. Weshalb sich der Autor einmal der Zahlen aus 2008 und das anderemal der Zahlen aus 2009 bedient hängt vermutlich damit zusammen, dass im Jahr 2008 die Gesamtzahl der Morde in Japan noch um ca. 22% über der von 2009 liegt. Dafür war die Zahl der Opfer in Deutschland im Jahr 2009 fast 11% höher ist als im Vorjahr.  Implizit möchte der Autor mit diesen Darstellungen wohl zum Ausdruck bringen, dass die japanische Gesellschaft Dank des geringeren Waffenbesitzes im Grunde viel friedlicher sind als andere Nationen mit liberaleren Waffengesetzen. Die Gleichung weniger, Waffen gleich friedlichere Gesellschaft.ist im Grunde genommen so einfach wie falsch. In der nachfolgenden Tabelle habe ich deshalb die Daten aus [9] für Island (IS), Japan (JP), Deutschland (DE) und Honduras (HN) entnommen und gegenübergestellt. Dabei sind das die relativen Fallzahlen Morde, bzw. Waffenmorde pro 100.000 Einwohner und Waffenbesitz pro 100 Einwohner. Japan Danach verhält es sich so, dass die Chance Opfer eines Tötungsdeliktes zu werden in Deutschland tatsächlich nur 1,6 mal höher ist als in Japan. Für Japan wird die relative Anzahl an Tötungsdelikten mit Schusswaffen mit Null angegeben. Dies ist jedoch der Tatsache geschuldet, dass in der Darstellung von GunPolicy.org nur eine Nachkommastelle gewertet wird. Tatsächlich wurden in 2008 insgesamt 11 Morde mit Schusswaffen registriert. Bezogen auf die Einwohnerzahl von 127Millionen ergibt das 0,009 Schusswaffenmorde auf 100.000 Einwohner. Was nun die Annahme betrifft, dass ein geringe Anzahl Waffen in privater Hand auch automatisch eine friedfertigere und gewaltfreiere Gesellschaft bedingt, habe ich zur Dokumentation das Beispiel Island ausgewählt. Island hat eine ebenso hohe Waffendichte und damit ebenso hohe Verfügbarkeit von Waffen wie Deutschland. Trotzdem geschehen auf Island deutlich weniger Morde als im waffenlosen Japan. Danach ist das Risiko in Japan durch eine Gewalttat ums Leben zu kommen 1,6 mal höher als im "waffenstarrenden" Island. Wie schon zuvor im Blogbeitrag "Eine einfache Gleichung"  belegt wurde gibt es keine Korrelation zwischen Waffenbesitz und Gewaltverbrechen. Aus diesem Grund habe ich in der obigen Tabelle auch das Beispiel Honduras, ein Land mit vergleichsweise geringer Waffendichte aber erschreckend hoher Anzahl Morde, aufgenommen. Der Grund für Gewaltkriminalität ist in gesellschaftlichen Verhältnissen zu finden, nicht aber im Waffenbesitz.   Zusammenfassung Der kolportierte Mythos, dass es in Japan keine Amokläufe und Schulmassaker aufgrund fehlender Verfügbarkeit von Schusswaffen gibt konnte wiederlegt werden. Auch in Japan fanden Wahnsinnstaten mit zahlreichen Toten und Verletzten statt. Im Unterschied zu Deutschland oder auch den USA greifen die Mörder auf Messer als Tatwerkzeuge zurück. Was die implizite Schlussfolgerung angeht, dass in einer Gesellschaft ohne privaten Schusswaffenbesitz die Menschen insgesamt friedfertiger sind wird durch das Beispiel Island eindeutig wiederlegt. Quellennachweis: [1] Warum geschehen in Japan keine Amokläufe? http://wissen.de.msn.com/mensch/hyphen-23?page=18#image=18  [2] Ganz einfach: Warum es in Japan keine Schul-Massaker gibt, http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2012/12/17/ganz-einfach-warum-es-in-japan-keine-schul-massaker-gibt/ [3] http://www.sportmordwaffen.de/japan-deutschland.html [4] Angela Pagano: „Massaker an japanischen Schulkindern stellt Gesellschaft in Frage“; http://www.wsws.org/de/articles/2001/08/japa-j08.html; World Socialist Website 08.08.2001; Stand: 11.05.2013 [5] Angela Köhler (Die Presse): „Japan: Ein Amoklauf wie im Computerspiel“; http://diepresse.com/home/panorama/welt/389330/Ein-Amoklauf-wie-im-Computerspiel; DiePresse.com 08.06.2008; Stand: 11.05.2013 [6] „Wieder Amoklauf in Japan - Messerstecher verletzt 14 Menschen in 2 Bussen“; http://www.badische-zeitung.de/panorama/wieder-amoklauf-in-japan—39003557.html; Badische Zeitung 18.12 2010; Stand: 11.05.2013 [7] AFP/mmk: "Ein Desaster in Akihabara"; http://www.sueddeutsche.de/panorama/amoklaeufer-in-tokio-ein-desaster-in-akihabara-1.188117; 17.05.2010; Sueddeutsche.de Stand: 11.05.2013 [8] UNODC: „UNODC Homicide Statistics“; http://www.unodc.org/unodc/en/data-and-analysis/homicide.html; Stand: 11.05.2013 [9] Gunpolicy.org; http://www.gunpolicy.org/firearms/region/japan; Stand 11.05.2013      

6 thoughts on “Japan: Keine Waffen, keine Amokläufe, keine Schulmassaker

  1. Reply Marcel Mai 12,2013 19:11

    Super Artikel! Da sieht man mal wieder wie falsch die Waffenhysteriker argumentieren. Was auch nicht gesagt wird wie die Zustände in Japan sind. Das ist eine andere Gesellschaft. Keine Drogenprobleme, keine Migranten.

  2. Reply Argonaut Mai 12,2013 19:22

    Ich habe einige Jahre in Japan gelebt. Japan ist nicht mit dem Westen vergleichbar. Jede Form von Individualität ist verpönt. Die Leute sind eher introvertiert. Extrovertierte Ichmenschen findet man dort nicht. Höflichkeit ist absolute Pflicht. Jede Abweichung davon wird mit Verachtung gestraft. Jeder Abweichler riskiert es das Gesicht zu verlieren. Jeder Mensch wird genau beobachtet. Von daher kommt es, dass dort es dort kaum Kriminelle gibt. Dafür gibt es in Japan mehr Selbstmörder als in jedem anderen Land. Wenn die Leute nicht mehr mit Job, soziale Stellung und Leben zurecht kommen bleibt nur der Selbstmord.

  3. Reply Walter Roth Apr 8,2015 00:01

    Eine Frage bleibt mir aber noch…………

    Wie steht es mit der Zahl der Todesopfer in Folge von Gewalttaten generell….???

    Vor Jahren habe ich einen langen Artikel dazu gelesen, der beschrieb die extrem strengen Waffengesetze in Japan, zeigte aber auch auf wie die Täter dort auf andere Mittel ausweichen.

    Dort wurde auch beschrieben wie extrem Häftlinge in den Zellen selbst beim Schlafen überwacht werden, ja sie immer mit mindestens einem Fuss ausserhalb der Decke zu sehen sein müssen. Selbstmorde unter den Häftlingen seien häufig.

    Es war die Rede davon, das in Japan mehr Menschen durch Samuraischwerter getötet werden, wie durch Schusswaffen.

    Der Umgang mit dem Schwert wird als Sport geübt, dabei zwar nur mit Übungsteilen aus Holz, aber Schwerter sind natürlich günstig zu haben, erfüllen den Zweck und man hat es quasi schon geübt………….

    Friedlich ist die japanische Gesellschaft übrigens überhaupt nicht, sie ist nur auf Konformität ausgerichtet. Wer aber sein Gesicht verloren hat, kann ausgesprochen hart reagieren.

    Etwas was man in Thailand auch sehr gut beobachten kann. Im Lande des Lächelns werden traditionell erzogene Thais sehr stark zur Achtung des anderen, der Autorität, der Älteren, Vorgesetzten, Beamten erzogen.
    Aber wenn sie ihr Gesicht einmal verloren haben, ….leben sie die Gewalt sehr viel ungenierter aus wie wir im Westen.

    Ich weiss das zu beurteilen………

    In Japan werden Waffen übrigens auch selber hergestellt, jedoch ist Munition ebenso schwer zu beschaffen wie die Waffe selber, kann aber kaum selber produziert werden. ( Zündhütchen ) So bleibt es im ganz kleinen Rahmen.

  4. Reply volkert Apr 8,2015 21:33

    Nach meinen Recherchen sind Gewalttaten in Japan erheblich seltener als in Europa oder den USA.
    Siehe hierzu auch:
    http://fsf.de/data/hefte/ausgabe/13/michaelis_tvd13.pdf

    Grüße
    volker t

  5. Reply Walter Roth Apr 9,2015 19:53

    Naja, das sagt man meist, aber ich glaube daran nicht wirklich.

    Denn die Gewalt ist da, nur sieht man sie viel weniger.
    Die Selbstmorde, sollte man die da irgendwie in die Betrachtung mit einbringen, oder anders gesagt, bringen sie sich vermehrt um weil die Gesellschaft sie in ein so starres Korsett zwingt, das sie lieber sich selber töten wie andere…..

    Nur, warum sind sie damals in Nanking derart Gewalttätig gewesen…..?

    Ich habe in der Familie eine Chinesin aus Nanking, deren Grosseltern haben das Massaker überlebt.

    Es ist auch im traditionellen Thailand wohl ähnlich wie in Japan, aber wenn das Gesellschaftliche Korsett wegfällt…… sprich sie das Gesicht verloren haben, dann….. ???

    ich weiss, viele sagen das gerade die gewalttätigen Mangas und auch die Pornofilme dort, der Blitzableiter sind…..

    Tja, ich weiss es nicht.

  6. Reply volkert Apr 9,2015 21:05

    OK, jetzt habe ich den Kontext verstanden.
    Die Frage ist nur, ob man die Japaner in Nanking, die sich zu der Zeit im Kriegszustand befanden, mit dem Japan im friedlichen Normalzustand vergleichen darf. Kriege stellen in jeder Hinsicht Ausnahmesituationen dar. Gewalt und Tötungsakte sind im Krieg quasi institutionalisierte und damit häufig legitimierte und akzeptierte Handlungen. Anders in einer Gesellschaft im friedlichen Normalzustand. Oder um es mal ganz platt auszudrücken: „Töte einen Menschen und du wirst als Mörder verfolgt und bestraft. Töte tausend Menschen und du wirst als Held gefeiert und mit Orden belohnt.“
    Aber in der Tat, sollte man auch den gesellschaftlichen Kontext mit betrachten.

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