Wie gefährlich ist Großkaliber? 5

Seit einigen Jahren wird in Deutschland eine ideologisierte und zugleich extrem faktenfreie Diskussion über das vermeintlich so laxe deutsche Waffenrecht geführt. Da werden in der öffentlichen Diskussion immer wieder einige schreckliche Einzelfälle von Verbrechen mit behördlich genehmigten Schusswaffen bemüht um in der Bevölkerung das Gefühl einer allgegenwärtigen Bedrohung durch Sportschützen und Jäger zu schüren. Und damit sich die Bevölkerung wieder sicher fühlen kann wird auch gleich eine Lösung des Problems vorgeschlagen. Munition01 Die Formel lautet ebenso schlicht wie eindringlich „großkalibrige Waffen gehören nicht in private Hände […]. Lediglich Jäger sind ausdrücklich ausgenommen, weil sie diese Waffen zur Ausübung der Jagd bräuchten“ [1]. Dieses Vorhaben wurde sogar im Koalitionsvertrag wischen BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der SPD in Baden-Württemberg festgeschrieben. Über eine Bundesratsinitiative werden [diese Parteien sogar] eine Verschärfung des Waffenrechts angehen, insbesondere mit dem Ziel, ein generelles Verbot für den Privatbesitz von großkalibrigen Faustfeuerwaffen durchzusetzen [2]. Eine Begründung weshalb großkalibrige Schusswaffen für Sportschützen in Zukunft verboten sein sollen wird jedoch nirgends genannt. Es wird lediglich im einen oder anderen Fall auf Erfurt oder Winnenden verwiesen, wo durch großkalibrige Schusswaffen bei Amokläufen zahlreiche Unschuldige von psychisch Gestörten ermordet wurden. Damit wird der breiten Öffentlichkeit das Bild vermittelt, dass die hohe Opferzahlen nur den Großkaliberwaffen geschuldet waren. Als ob mit kleinkalibrigen Waffen weniger Menschen getötet worden wären. „Zu durchschlagsstark seien die Geschosse, sogar durch eine Tür seien sie gegangen und hätten dahinter getötet“ [3]. Der Öffentlichkeit wird somit das Bild vermittelt, dass kleinkalibrige Schusswaffen weniger gefährlich oder weniger tödlich sind als großkalibrige Waffen. Dieses Bild ist ebenso einleuchtend wie falsch. Geschossbalistik

Das Kaliber bezeichnet zunächst nur den Geschossdurchmesser einer Munitionssorte. Die gängigen Kaliberbezeichnungen werden in Millimeter oder Inch angegeben. So entspricht eine Patrone mit einem Geschossdurchmesser von 5,6mm oder 0,22 Inch dem Kleinkaliber, welches in der Regel in der Notation als Kaliber .22 angegeben wird. Diese Angabe allein lässt jedoch noch keine Rückschlüsse über die Leistungsfähigkeit der Munition oder Schusswaffe zu. Hinweise über die Leistungsfähigkeit ergibt erst, wenn man die Mündungsenergien der Munition berücksichtigt. Die Mündungsenergie lässt sich aus dem Projektilgewicht sowie der Mündungsgeschwindigkeit nach der Beziehung

E = 1/2 * m + v^2

berechnen. In der nachfolgenden Tabelle habe ich diese Daten für einige gängige Kaliber zusammengefasst. Die Daten der Projektilmasse sowie der Mündungsgeschwindigkeiten habe ich Waffenkatalogen entnommen. Tabelle1 In der Tabelle sind als Munitionssorten das Luftgewehrkaliber .177, das typische Kleinkaliber .22 lr, 9mm Luger (9x19), .45 ACP sowie die beiden Nato-Kaliber .223 und 7,62x54R aufgetragen. Erwartungsgemäß haben die Luftgewehr- und KK-Munition die geringsten Mündungsenergien. Damit scheint sich die Annahme zu bestätigen, dass kleine Kaliber (kleine Projektildurchmesser) ungefährlicher sind. Doch schon das neue Nato-Kaliber .223 mit einer Mündungsenergie von 1750 Joule zeigt, dass diese Einschätzung trügerisch ist, denn die beiden Projektile unterscheiden sich nur minimal bezüglich Geschossdurchmesser und Geschossmasse. Der wesentliche Unterschied zwischen diesen beiden Kalibern ist die Treibladung, welche beim Nato-Kaliber .223 wesentlich größer ist und deshalb das Projektil auf eine viel höhere Mündungsgeschwindigkeit von 1000m/sek beschleunigt. Die Aussage über die Mündungsenergie ist nur ein Teil der Wahrheit. Wichtiger ist es die Energiedichte des Projektils beim Auftreffen am Ziel zu bestimmen. Die Energiedichte ergibt sich aus dem Verhältnis der Mündungsenergie zur Querschnittfläche des Projektils. Die Querschnittfläche ergibt sich aus der Flächenformel

A = Pi * r^2

 Aus der täglichen Erfahrung weiss Jeder, dass ein spitzer Nagel viel leichter (mit wenig Energieaufwand) in die Wand getrieben werden kann als ein stumpfer Nagel. Das gleiche Verhalten gilt auch für die Projektile von Schusswaffen. In der nachfolgenden Tabelle sind deshalb die Energiedichten der Munitionssorten aufgetragen. Tabelle2 Für den unbefangenen Leser, der sich nicht mit Schusswaffen und der Wirkung von Munition auskennt ergibt sich eine Überraschung. Die vermeintlich ungefährlichere Kleinkalibermunition hat eine signifikant höhere Energiedichte als die landläufiger als gefährlich eingeschätzten Großkaliber 9mm und .45 ACP. Wenn man die Energiedichte betrachtet wird klar, dass das vermeintlich ungefährlichere Kleinkaliber sogar noch gefährlich ist als viele Großkaliber ist. Denn es darf davon ausgegangen werden, dass mit zunehmender Energiedichte auch die Eindringtiefe eines Projektils zunimmt. Im Fall der beiden Munitionssorten .223 und 7,62x54 zeigt sich, dass die beiden Kaliber trotz erheblicher Unterschiede bezüglich Mündungsenergie und Geschossdurchmesser sich hinsichtlich der Energiedichte kaum unterscheiden.  Zwischenfazit: Allein die Geschossenergie einer Munitionssorte lässt kaum Rückschlüsse auf deren Gefährlichkeit zu. Erst die Energiedichte eines Geschosses erlaubt konkretere Rückschlüsse auf das Eindringvermögen und damit die Gefährlichkeit.   Schusswaffen wurden als Distanzwaffen konzipiert mit denen Ziele in großer Entfernung mit ausreichender Sicherheit getroffen werden können. Deshalb ist es zur Beurteilung der Gefährlichkeit von Munition auch wichtig zu wissen wie groß die Reichweite der Projektile ist. Die effektive Reichweite für einen sicher gezielten Schuss kennt jeder erfahrene Schütze. Es sind die üblichen Entfernungen die im Wettkampfschiessen oder auch im jagdlichen Schiessen ihren Niederschlag finden. So werden Kurzwaffen auch Großkaliberwaffen i.d.R. auf Entfernungen von 25m in selteneren Fällen auch mal 50m geschossen. Langwaffen im Kaliber .22 werden auf Entfernungen von bis zu 100m geschossen. Langwaffen in den Kalibern .223 und 7,62x54 werden auf bis zu 300m Entfernung inselteneren Fällen auch für Entfernungen bis 500m eingesetzt. Die tatsächlich höchst mögliche Reichweite der Munition liegt jedoch weit darüber. Die maximalen Reichweiten der verschiedenen Kaliber sind in der nachfolgenden Tabelle dokumentierten. Tabelle3 Aus der obigen Tabelle ist zu ersehen, dass das Kleinkaliber .22lr eine mit dem Großkaliber .45ACP vergleichbare Reichweite von 1500m hat. Das bedeutet, dass Projektile dieser Kalibers noch auf Entfernungen bis zu 1500 Meter für Lebewesen gefährlich werden können.  Zwischenfazit: Die Gefährlichkeit eines Geschosses ergibt sich insbesondere aus der maximalen oder effektiven Reichweite eines Projektils. Hier zeigt sich, dass Kleinkaliber dem Großkaliber überlegen.   Wundbalistik: Bis Ende des 19. Jahrhunderts wurde mit Schwarzpulver als Treibladung geschossen. Für diese relativ schwachen Treibladungen genügten Bleigeschosse den Anforderungen der Schusswaffen. Als dann mit der Erfindung neuer rauchloser Pulverladungen auch viel höhere Mündungsgeschwindigkeiten erreicht wurden erwiesen sich Bleiprojektile als nicht mehr praktikabel. Bedingt durch die höhere Temperaturentwicklung bei der Schussabgabe erwiesen sich die Bleiprojektile als zu weich. Dieses Problem wurde dadurch gelöst, indem die Bleigeschosse mit härteren und temperaturstabilen Metalllegierungen ummantelt wurden. Solche Geschosse zeichnen sich im Vergleich zu den Bleiprojektilen, bedingt durch die höheren Energien und der stabilen Ummantelung, durch eine hohe Durchschussfähigkeit aus. Trotz dieser Eigenschaft sind die ummantelten Geschosse nicht per se gefährlicher. Im Gegenteil besitzen Vollmantelgeschosse eine vergleichsweise geringe wundballistische Wirkung weshalb diese für den militärischen Bereich sogar durch die Genfer Konvention vorgeschrieben sind. Für die Jagd und häufig auch im Polizeidienst werden häufig andere Geschosse verwendet die sich beim Eindringen in Gewebe deformieren oder gar in viele kleine Teile zerlegen. Der Zweck hierbei ist es möglichst viel der Geschossenergie im getroffenen Körper abzugeben. Dabei wird die Geschossenergie durch Deformation (Aufpilzung, Verformung), Masseverlust durch Geschosszerlegung und Explosion bzw. Kavitation weitestgehend im getroffenen Körper abgebaut. [6] Der Zweck solcher Munition ist es dem Tier oder auch dem Gegner möglichst viel Schaden zuzufügen und rasch zu töten oder zumindest nachhaltig kampfunfähig zu machen.  Zwischenfazit: Die Gefährlichkeit einer Munitionssorte hängt wesentlich von ihren konstruktiven Eigenschaften ab. Vereinfacht kann davon ausgegangen werden, dass ein hartes Geschoss welches einen Körper ohne wesentliche Verformung glatt durchschlägt richtet weniger Schaden an als ein Geschoss welches sich beim Eindringen verformt und/oder oder in Fragmente zerlegt.   Was bringt ein pauschales Großkaliberverbot? Wie dargelegt wurde lässt sich die Gefährlichkeit einer Waffe nicht pauschal am Kaliber festmachen. Es ist sogar so, dass das vermeintlich ungefährlichere Kleinkaliber mindestens so gefährlich ist wie das Großkaliber. Im Gegenteil sind „Kleinkaliberwaffen […] in aller Regel sogar deutlich gefährlicher als großkalibrige, ermöglichen sie doch ungeübten Tätern die problemlose Beherrschung einer Waffe: geringer Rückstoß, unkoplizierte Handhabung und eine dadurch mögliche schnelle [und gezielte] Schussfolge [3]. In den USA waren deshalb kleinkalibrige Kurzwaffen – sogenannte Saturday Night Specials – sogar mit einem Importverbot belegt, weil gerade diese Waffen bei Kleinkriminellen sehr beliebt waren. Damit stellt sich die Frage was ein Verbot großkalibriger Waffen in privatem Besitz bewirken soll? Vielen Befürwortern eines pauschalen Großkaliberverbot mag man noch Unkenntnis der Materie zu Gute halten. Jedoch wird diese Unwissenheit durch manche Zeitgenossen ausgenutzt um bestimmte ideologiegetriebene Ziele zu verfolgen. Dabei verfahren diese Protagonisten nach dem bekannten Prinzip teile und herrsche. Denn es sollen (zunächst) nicht alle Schusswaffen in privatem Besitz verboten werden. Es soll ja nur der Besitz von großkalibrige Schusswaffen für Sportschützen verboten oder zumindest erschwert werden. So lassen sich Jäger gegen Sportschützen und Kleinkaliberschützen gegen Großkaliberschützen ausspielen. Quellennachweis: [1] Südwest Presse 30.12.2011; Waffen: Gall will Großkaliberverbot: http://www.swp.de/ulm/nachrichten/suedwestumschau/Waffen-Gall-will-Grosskaliberverbot;art4319,1274588 [2] Der Wechsel beginnt; Koalitionsvertrag zwischen BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der SPD Baden der SPD Baden-Württemberg; 26.04.2011 (S. 66); http://www.gruene-bw.de/fileadmin/gruenebw/dateien/Koalitionsvertrag-web.pdf [3] Lars Winkeldorf, „Waffenrepublik Deutschland: Der Bürger am Abzug“; 2010 Fackelträgerverlag GmbH Köln; S. 173. [4] Selbstversuch des Autors in einer Hallenschießanlage [5] Mündliche Mitteilung eines Büchsenmachers [6] „Zur Wundballistik von Büchsengeschoßen“ Der Anblick 9/2008; S. 82-85; http://www.impalabullets.at/data/Wundballistik.pdf  

5 thoughts on “Wie gefährlich ist Großkaliber?

  1. Reply Sportschütze1 Apr 24,2013 13:59

    Erst einmal vielen Dank an den Autor für diesen „endlich einmal“ sachlichen Beitrag!
    Da ich selbst passionierter Sportschütze bin, sind mir selbstverständlich Unterschiede zwischen Klein und Großkaliber bekannt, was mir nicht bekannt ist, ist die Tatsache dass laut unseren Politikern ein geringeres Gefahrenpotenzial von Kleinkaliberwaffen ausgeht. Hier geht es schlicht um Wählerstimmen, nicht etwa um Fakten oder gar die Warheit.
    Ein Kleinkaliberprojektil durchschlägt genauso effizient eine Wohnungstür wie z.B. ein 9mm Projektil, auch wenn sich jemand dahinter befindet, wird der jenige keinen Unterschied zwischen Klein und Großkalibermunition feststellen können. Hier geht es einzig darum, den unwissenden Bürger vermeintlich schützen zu wollen, obwohl nicht die legalen/registrierten Waffen ein Problem darstellen, sondern nach wie vor die Illegal bessenen!
    Und noch eine kleine Frage an alle zum nachdenken, warum ist z.B. Frau Roths Leben mehr Wert als das aller anderen Menschen, warum darf sich solch eine Frau mit einem Waffenschein schmücken, welcher zum Führen der Waffe in der Öffentlichkeit erlaubt? Und das ausgerechnet von der Partei welche am lautesten mit den Säbeln rasselt!
    Vielleicht denkt der eine oder andere einmal darüber nach was es bedeutet, Wasser predigen und Wein trinken!

    In diesem Sinne.

  2. Reply H.Schramm Feb 21,2015 11:55

    Endlich einmal ein sachlicher Artikel. Sachkenntnis ist bei Presse und unseren gesetzfabrizierenden Politikern völlig unüblich. Warum auch. Es geht bei Politikern nur darum, Dinge zu fabrizieren die beim Volk Beifall auslösen und damit Stimmen = Macht = Geld, bringen.

  3. Reply cedra Sep 2,2015 17:35

    JA, die Argumentations-Kette der „Waffen-Gegner“ ist ohne hin sehr dürftig und voller Lücken. Ich persönlich frage mich indes was das ganze soll und komme mir vor als lebte ich zwischen Kinder-Gärtlern.

    Punkt 1: Der Grösste „Holocaust“ aller Zeiten (im Verhältnis) fand in Ruanda 1996 statt : über 200’000 Tote in 100 Tagen. Das brachte nicht mal das 3’te Reich fertig! Auf Basis Macheten !

    Punkt 2: Wiviele sterben eigentlich im Jahr im Strassen-Verkehr und warum berücksichtigt man diese Werte bei „Gefahren“ nicht ??? Es reicht ja wen man hinter dem Steuer noch 30% seh stärke hat oder !??
    Man kann ja mal energetisch berechnen wer von beiden gefährlicher ist, eine Kugel oder ein Auto was mit 50 fährt. Aber jajaja das eben wirtschaft und notwendig und sinnvoll oder wie !???

    Punkt 3: In anbetracht das schändlichste Diktatoren wie : Hitler, Stalin, Mao, bevor sie mit dem morden angefangen, die ihrigen Bevölkerungen entwaffneten. Bekommt von meiner seite jeglicher Politiker gleich mal das Pretikat :“General verdächtig“. Ach und waren es nicht die Bündnis Grünen/90 wo für einen Afgahnistan Armee-Einsatz stimmten ??!

    Punkt 4: Da ja die ach so dollen Damen und Herren aus der Politik ausser stande sind den Waffen Schwarz-Markt (exestiert in jedem Land) zu tilgen und lieber auf ehrliche und mündige Bürger los geht um diese zu entmündigen und zu enteignen. Ist das ende von diesem Lied so gesteckt. Das letzt entlich nur noch : Verbrecher , Mafia’s und Terroristen bewaffnet sind, während der gross Teil der vernünftigen Bevölkerung unbewaffnet da steht. ICH GRATULIERE !!!

    Die Flausen der ewigs nach verbote sinnierenden Politiker gehöhrt einhalt geboten ! Die sind noch im stande und entwaffnen die Polizei wie in England. Ja das ist ganz toll ! Ich meine es sind ja auch sooo sichere Zeiten! Vor allem wen man im wunder Teletubi Land, wo alle Politiker/innen leben, lebt !

  4. Reply D. Kohle Dez 14,2015 11:56

    Schön geschrieben, aber eine kleine Korrektur wäre nötig:
    Im Abschnitt Geschossbalistik hat sich ein Fehler in der abgebildeten Formel eingeschlichen.
    Dort steht das die Geschwindigkeit im Quadrat zur halben Masse addiert wird, richtig ist natürlich das diese multipliziert werden muss!
    Die Zahlen in der Tabelle stimmen ja, ergo ist dort wohl nur ein „+“ aus einem „x“ geworden…

  5. Reply gerd harter Dez 16,2015 11:04

    Ein wirklich sachlicher und objektiver Bericht. Selbst mir als Sportschütze hat er noch neue Erkenntnisse gebracht.
    Überigends hat Frau Roth dementiert dass sie mit einer Schusswaffe in der Tasche eine Veranstaltung besucht hat.

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